"Shoulders"...

...oder: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!

Vermutlich begann das alles im Winter 1979. Da war ich 16 Jahre alt, und im Grödner Tal zum Skifahren.

Wie das bei so jungen Kerlen halt so ist, musste ich unbedingt noch die allerletzte Abfahrt vom "Ciampinoi" mitnehmen. Da dämmerte es schon. Natürlich gab es neben der regulären Piste eine Art Schneekanal (heute würde man sowas "Halfpipe" nennen). Natürlich musste ich da rein. Am Nachmittag war's relativ warm, die Mitte war erst angetaut und zum Abend hin wieder gefroren. Mit anderen Worten: einmal in der Mitte, wurde man ziemlich schnell. Dummerweise mündete der Kanal direkt in eine Buckelpiste...

Ungefähr fünfzig Meter tiefer endete der Flug. Da hatte ich noch einen Skistock; der Rest der Ausrüstung verteilte sich gleichmäßig über das Gelände. Außerdem war der rechte Arm ausgekugelt.

Allerdings war das Glück, wie das bei Kindern und Doofen häufig der Fall ist, auf meiner Seite. Unterhalb der Piste kam just zu diesem Zeitpunkt eine Gruppe Bergwacht-Nachwuchskräfte samt Ausbildern aus dem Wald - gerade rechtzeitig, um die spektakuläre Landung noch zu erleben. Deren Häuptling fragte auch gleich an, ob denn alles in Ordnung sei - sogar auf deutsch, was ich wirklich zu schätzen wusste. Auf die verneinende Antwort hin stapfte er mit einigen Helfern zu mir rauf und rief nach kurzer Beratung eine Schneekatze aus dem Tal zu Hilfe.

Die Talfahrt war zwar nicht wirklich angenehm, aber angesichts der Alternativen - denn inzwischen war's dunkel geworden und die Temperaturen zweistellig unter Null - gar nicht so übel. Im Ort gab es sogar ein Krankenhaus, wo mir ein Sportarzt den Flügel wieder ohne viel Aufhebens einrenken konnte. Leider auch ohne Betäubungsmittel, was er wie folgt begründete: es sei ja Silvester, und ein junger Bursche würde da sicher noch einen heben wollen, was unter Drogen nicht zu empfehlen sei. Knochentrocken, aber in der Sache nicht gar so abwegig.

Im Prinzip war's das dann erst mal für lange Zeit. In folgenden Jahren dazwischen hatte ich auch die eine oder andere Hantel aus der Nähe gesehen und den ganzen Schulterapparat so ziemlich stabil hinbekommen; der hat ja dann auch allerlei Ski-, Surf-, Cross- und sonstige Stunts ausgehalten. Bis zum Jahr 1985; damals trainierten wir im Hochschulsport mit recht rustikalen Geräten.

Ein Butterfly hakelte etwas, die Gewichte blieben weit oben hängen - bis ich mich halb umdrehte, um nach dem Problem zu sehen. Genau da beschlossen die Platten, nun doch die Reise nach unten anzutreten, und nahmen auf ihrem Weg den linken Arm schlagartig mit nach hinten. Als ich zum gerade ins Gespräch mit einer Kommilitonin vertieften Trainer rüber ging, ihm (mit der anderen Hand!) auf die Schulter klopfte und seinen Flirt mit der Bemerkung unterbrach, ich hätte leider einen ausgerenkten Arm, glaubte der zunächst, ich wolle ihn verarschen.

Ein Kumpel fuhr mich in die Klinik, wo sie mich zuerst mal ins falsche Kellerstockwerk schickten und dann für längere Zeit vergaßen; dafür verlief die Repositionierung diesmal relativ unspektakulär. Erst 1993 wurde ich wieder an das Thema erinnert, wenn auch erneut aus einem ganz anderem Anlass.

In jener Zeit war ich regelmäßig in der Nähe von Wilhelmshaven, um ordentlich reiten zu lernen. Im Sommer war das mal wieder der Fall, und just am Morgen meiner Abreise war der Tierarzt in aller Herrgottsfrühe am Hofe, um einen jungen Wallach anzuschauen, der bereits 5 Wochen Boxenruhe hinter sich hatte. Irgendwer sollte diesen bitteschön kurz vorführen, das hab' dann eben ich gemacht. "Gajan" hat der geheißen, den vergess' ich auch nie mehr...

Natürlich wollte der sich endlich wieder bewegen, das kam jedoch etwas plötzlich - und diesmal war's die linke Schulter. Die hing tief, und das Pferd marschierte auf und davon - Richtung Verbindungsstraße WHV/Aurich, wo es morgens immer dichten Berufsverkehr hat. Der Reitlehrer war machtlos; der hatte sich tags zuvor dermaßen den Fuß verstaucht, dass er keinen Schritt gehen konnte. Der Tierarzt erklärte sich für nicht zuständig, und die Besitzerin des Pferdes schrie nur noch hysterisch rum.

Blöderweise lief in jener Zeit so ein Film im Kino, in dem sich Mel Gibson so richtig machomäßig die Schulter an einem Türpfosten wieder einrenkt. Den hab' ich für bare Münze genommen und die gleiche Nummer am Stalleingang probiert: klappte auch, der Flügel war erst mal wieder drin, und ich sprintete los Richtung Straße, wo ich den Esel zum Glück noch vor einem größeren Verkehrsunfall wieder einsammeln konnte.

Kinder, probiert das bloß nicht zu hause aus! Das dicke Ende folgte nach: nicht das Aus-, sondern vielmehr das brachiale Wiedereinrenken hatte leider die Schulterkapsel eingerissen und nach innen gefaltet, was letztlich eine offene Operation der Schulter erforderlich machte. Und der Doktor hat mir nach der Schilderung der Ereignisse keineswegs auf selbige geklopft, sondern nur vielsagend die Augen zum Himmel verdreht...

Immerhin ist diese Schulter nach der Operation bis heute stabil geblieben. Die andere eigentlich auch, bis sie im Jahr 2001 einem Belastungstest der besonderen Art unterzogen wurde. Da hatten wir uns mit Steff zu einem gemütlichen Wanderritt verabredet und waren mit zwei Pferden im LKW zu ihm nach Kranzberg gefahren.

Einer der Vierbeiner wollte den Laster jedoch allzu schnell verlassen und überholte mich auf der schmalen Rampe. Dabei wickelte er mir den Strick unglücklich ums Handgelenk und zerrte mich an diesem erst von den Beinen und dann quer über den Hof. Die Sollbruchstelle war, wir ahnen es schon, erneut eine Schulter: diesmal wieder die rechte.

Nach gut einer Stunde hatten zunächst die Sanitäter, und dann - endlich - auch die Notärztin mit ihrer Schmerzspritze den Reiterhof gefunden, wo mein Großhirn mittlerweile den ganzen Kerl auf Sparflamme herunter gefahren hatte. Irgendwann später kam ich dann im Freisinger Krankenhaus wieder zu mir, konnte mich aber immerhin noch daran erinnern, mit dem Röntgenarzt angeregte Fachgespräche übers Dressurreiten geführt zu haben. Ein Gesinnungsgenosse in der Klinik, was will man mehr.

Allerdings fand dieses Wiedererwachen in einem Mehrbettzimmer statt, in dem man mich schon bettfein einquartiert hatte. Nebendran irgendein verletzter Italiener, der lautstark von seiner gesamten Sippe bejammert wurde. Das war irgendwie anstrengend, so dass ich meine Klamotten suchen ging und abzuhauen trachtete. Eine italienische Mamma hat mir freundlicherweise sogar die Schuhe zu gebunden und sich auch nicht allzusehr über meine vorangegangenen Verrenkungen mit halb offenem Nachthemd aufgeregt.

Zum Glück kamen meine Freundin und ihr Vater ohnehin noch besuchshalber vorbei, und ich traf sie in der Eingangshalle. Während sie mir Fluchthilfe leisteten, erfuhr ich auch, was mit den Pferden passiert war: die hatte Steff mit dem LKW zurück nach Ingolstadt gefahren. Und zwar im sechsten Gang, was für einen PKW recht und billig ist, in diesem Fall jedoch eine echte Geduldsprobe war; die Gänge 7-12 hatte der in Unkenntnis des Splitgetriebes nämlich nicht gefunden...

Den Esel hab' ich im folgenden Jahr verkauft, das hat aber auch nichts geholfen: 2004 ging ich auf einem Springturnier über den Lenker, noch dazu in einer lächerlich einfachen Prüfung - und erneut war ein Arm ausgekugelt. Mittlerweile kannte ich diese Art Verletzung recht gut und wusste um die Notwendigkeit raschen Einrenkens - andernfalls dauert die Reha nämlich unangenehm lange. Deshalb versuchte ich die Anwesenden zum Versuch zu überreden, den Arm zurück zu stellen; die probierten das auch halbherzig, aber ohne Erfolg.

Dafür hatten die Sanis diesmal gleich einen Notarzt dabei, und der verabreichte mir ein wirklich gutes Kraut. Seitdem weiß ich, dass der Medizinerzunft Zeugs zur Verfügung steht, von dem jeder Junkie nur träumen kann. Mir ging's gleich richtig gut, so dass ich in der Klinik nach dem Einrenken ordentlich Terror gemacht habe: man solle mich nicht so lange aufhalten, sondern den Arm irgendwie zurechttapen, immerhin sei noch ein M-Stechen zu reiten.

Die Krankenschwester hatte derweil meine Freundin beiseite genommen und ihr empfohlen, mir am besten nicht zu widersprechen. Kinder sähen mit dem mir verabreichten Schmerzmittel beispielsweise rosa Elefanten, aber das gäbe sich erfahrungsgemäß nach kurzer Zeit. Also karrten sie mich wunschgemäß zurück zum Turnier - allerdings nicht ohne die Meldestelle telefonisch davon in Kenntnis zu setzen, dass da demnächst einer im Zustand drogenbedingter Unzurechnungsfähigkeit ankäme und man ihm unter irgendeinem Vorwand den Start verwehren solle.

Das war unnötig; zurück am Turnier war ich schon ziemlich müde. Aber nicht so sehr als dass ich nicht noch auf die Schnapsidee gekommen wäre, meinen LKW selber nach hause zu fahren; ich wollte mein Pferd schließlich nicht von irgendwem durchgeschüttelt wissen. Allerdings bekam ich mit dem Arm keinen Gang mehr rein, und das war auch gut so - auf dem Heimweg, auf dem uns mein Kumpel Karl chauffierte, fiel ich schlagartig in tiefen Schlaf. Das hätte böse ausgehen können.

Übrigens war's mein Geburtstag, und bei der abendlichen Feier war auch ein angehender Mediziner zugegen. Der fragte nach dem Namen des mir verabreichten Mittels (Ketanin oder so ähnlich) und klärte uns dann darüber auf, dass man dies üblicherweise Unfallopfern gäbe, die ganze Gliedmaßen verloren hätten. Das Zeug hatte aber den positiven Nebeneffekt, dass ich die ganze Geschichte diesmal als eher undramatisch im Hinterkopf behielt und so bereits zwei Wochen später wieder mental relativ wenig belastet auf einem (schwereren) Turnier antreten konnte.

Nachdem ich in den folgenden Jahren öfters mal von diversen Pferden geflogen war, ohne dass erneut irgendwelche Arme die ihnen zugedachten Positionen verlassen hätten, hielt ich das Thema an und für sich für ausgestanden. Der Mensch wird ja mit den Jahren auch gescheiter (die meisten jedenfalls), und so hatte ich mir mit gezielten Krafttraining einen stabilen Muskelkorb um die angeschlagene Aufhängung hingebaut.

Aber es gibt keinen Klops, der zu doof wäre, als dass ihn nicht doch irgendwer bringen würde. Und so versuchte ich 2007 meinen allerersten Startversuch mit einem Gleitschirm. Kaum war der Bodenkontakt einen Moment weg, glaubte ich schon zu fliegen und setzte mich schon mal bequem ins Gurtzeug - nur um unmittelbar darauf unsanft auf dem Hintern zu landen. Seitdem weiß ich, dass man anfangs immer noch eine Weile weiter mit laufen soll - damals wusste ich es nicht und kam erst etwas verspätet auf diese Idee. Inzwischen war der Schirm aber schon weiter als ich und zog mich nach: kopfüber in einen quer verlaufenden Weg.

Als ich in diesem landete, war mir sofort klar, was passiert war. Dass mir auch ein gutes Stück Pelle vom Gesicht fehlte (okay, das fällt bei mir weniger als zum Beispiel bei Richard Gere ins Gewicht) und ich kopfüber im Matsch lag, störte gar nicht so sehr - ich wusste nur eines: der Arm ist ausgerenkt, und wenn den nicht ganz schnell wieder jemand in Position bringt, kriege ich ernstliche Probleme damit, in nächster Zeit meine Pferde zu reiten. Diese Ansage wurde dann auch sofort dem Notruf übermittelt.

Wer allerdings nach geraumer Zeit am Übungshang eintraf, waren Dick und Doof vom BRK. Die nuschelten was vom Krankentransport und wollten mich partout aufsetzen; das wäre vielleicht sogar gegangen, wenn sie mal (a) etwas früher und (b) in Begleitung eines Arztes mit schmerzstillenden und krampflösenden Medikamenten auf der Bildfläche erschienen wären. Waren sie aber nicht, denn dass ein Patient was von seiner Lage verstehen könnte, wird in Bayern für undenkbar gehalten: was der erzählt, kann man getrost ignorieren und erst mal in aller Gemütlichkeit einen Hiwi zum Nachgucken schicken. Also kein Arzt...

Der kam dann später: stinksauer, denn auch er wusste - natürlich, in einem Bergsportgebiet! - was eine ausgekugelte Schulter ist, wie und vor allem wie schnell sie zu behandeln ist. Er war auch in 5-Minuten-Bereitschaft; nur Bescheid gesagt hatte ihm keiner. Immerhin konnte mit seiner Hilfe dann endlich ein Tropf gelegt werden, ich wurde nach Einsetzen der ersten Wirkung aus dem Gurtzeug befreit und in den Sanka verfrachtet.

Dann erst kamen die zwei Pfeifen (die Steff mittlerweile fast schon umgebracht hätte) auf die Idee, dass ihre Fuhre ja noch gewendet werden musste. Am Kuhfladenhang. Hätte man ja auch schon mal in der vorangegangenen Dreiviertelstunde erledigen können, als noch kein Patient drinnen lag. Nun ist so ein Sanka bekanntlich kein Allradjeep, was die Sache schon etwas erschwerte - dafür hielten sie ihn danach offenbar für einen Rallyewagen und fuhren entsprechend rustikal zur Klinik nach Agatharied.

Gut, ich hatte knapp 28 Jahre früher schon mal einen unangenehmeren Schultertransport erlebt, aber der war erstens lebenserhaltend und zweitens das Beste, was unter den gegebenen Umständen möglich war. Die aktuelle Vorstellung hingegen erschien mir, nun ja, unbefriedigend. Dafür jedoch wurde mir der Arm in der Klinik endlich mal sofort, ohne überflüssige Diagnostik und ausgesprochen routiniert an Ort und Stelle gerückt, was denn doch irgendwie versöhnlich war.

Und auch diesmal wirkten die Schmerzmittel, auch wenn sie während des Transports noch zu fehlen schienen, nach: jedenfalls hatte ich, mit einem Taxi zurück zum Übungshang gelangt, schon den Größenwahn, vielleicht am nächsten Tag wieder mitspielen zu können. Der Verband sah sowieso doof aus und musste weg; einige zur allgemeinen Erheiterung ausprobierte Liegestütze bekräftigten mich in meiner Schnapsidee. Erst am nächsten Morgen (da war die Wirkung dann abgeklungen) stand fest: wer zum Heben einer Kaffeetasse beide Hände braucht, zieht keinen Gleitschirm auf. Aus der Traum...

Also bin ich am nächsten Tag ersatzhalber und recht bedrückt bergwandern gegangen. Mit einem Affenzahn, dabei immer fleißig den Arm zwecks Mobilisierung schwenkend; vermutlich haben die anderen Wanderer am Wallberg selten einen so albernen Anblick erlebt. Viereinhalb Stunden später taten mir dann die Knie so weh, dass mich die Schulter gar nicht mehr so sehr interessierte. Ein guter Trick.

Indessen waren die anderen am Ende ihres zweiten Grundausbildungstages angelangt und schon einige Male ein längeres Stück geflogen; am Abend wurde entsprechend begeistert davon geschwärmt. Ich konnte es, ehrlich gesagt, nicht mehr mit anhören und bin meine Sachen packen gegangen.

Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Heimweg. In der Flugschule war man sehr kulant und versprach mir, die Grundausbildung im nächsten Jahr ohne Verlust nachholen zu dürfen. Allerdings hatte ich Steff versprochen, noch auf einen kurzen Servus am Übungshang vorbei zu schauen, und ich wollte ja kein Spielverderber sein.

Um überhaupt zu den angehenden Fliegern zu kommen, musste ich aber sowieso die Bergschuhe anziehen. Und nachdem ich die schon mal anhatte, wollte ich doch wissen, ob in der diesmal sehr übersichtlichen Gruppe nicht vielleicht so eine klitzekleine Aufzugsübung, nur zum Probieren, drin wäre. Tatsächlich hatte einer noch eine Ausrüstung im Auto, der Fluglehrer hielt das Unterfangen auch nicht für völlig abwegig - und auf einmal hob ich, wenngleich unter wildem Geflatter, tatsächlich vom Boden ab.

Und dann war's sowieso zu spät - wenn einen das mal gepackt hat, kann der Körper noch so laut Aua schreien; auf den hört dann keiner mehr. Allerdings führte das zu einem kleineren organisatorischen Problem. Plötzlich waren nämlich zwei Stefans am Übungshang. Und da man uns ja irgendwie per Funk unterscheidbar ansprechen musste, bedurfte es eines eindeutigen Rufnamens. "Shoulders" war geboren...

Die Schulter wird nun irgendwann diesen Winter operiert und ist dann hoffentlich so stabil wie ihr bereits getuntes Gegenstück. Der Arzt hat mittlerweile konstatiert, dass sie keineswegs besonders wackelig, sondern lediglich mehrfach Opfer grenzwertiger Kräfte geworden sei - saudummes Pech halt. Und ich war wenige Tage später wieder unverdrossen am Reiten und Fliegen.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit neigt sich dieses Kapitel also langsam seinem Ende zu - aber der Spitzname wird mir, weil er halt so hübsch einprägsam ist, nun wohl erhalten bleiben.

Shoulders