schlechtflieger -

Winterspäße

Was macht ein Gleitschirmflieger, wenn er nicht fliegt? Klar: eine Weile trifft er sich am Boden mit anderen Gleitschirmfliegern zum Klönen und Klugscheißen. Dabei werden dann die Luftverhältnisse der Vorsaison immer turbulenter, die geflogenen Strecken immer weiter (man trägt ja keine Loggerdaten auf der Stirn) und die erlebten Abenteuer immer abenteuerlicher. Wie bei allen Saisonsportlern halt.

Aber das kann's ja nicht gewesen sein. Irgendwann kommt die Krise. Die Magazine sind schon alle so oft durchgeblättert, dass sie sozusagen mit angelegten Ohren herumliegen. Die Toni-Bender-DVD eiert schon, und für einen Südafrikaurlaub fehlen Kohle und Zeit. Lesenderweise im Gurtzeug auf dem Balkon hängen war auch nur am Anfang cool; mittlerweile trüben Minusgrade das Empfinden.

Aber da war doch noch was. Richtig, "Groundhandling" heißt das Zauberwort. Womit allerlei Aufzugübungen gemeint sind; hierzu braucht es neben einem Flügel nur leichten, laminaren Wind, am besten gegen einen sanften Hügel, sowie eine Wiese. Äcker sind, auch wenn sie eher flach aussehen, im Winter eher schlecht, weil sie sich in gefrorenem Zustand geradezu gierig an den Leinen festkrallen. Stadtkinder behelfen sich mit Betonflächen, die sie sich allerdings mit Kitern, Rollerbladern und allerlei anderen Spielkindern teilen müssen.

Warme Klamotten sind empfehlenswert, wenngleich es einem auch so schnell warm wird. Nur einige exponierte Stellen - die Ohren beispielsweise, oder die eine oder andere Glatze - bedürfen prinzipbedingt auch im Winter einer flauschigen Abdeckung. Außer bei Windstille; da muss man dafür dann aber ziemlich schnell rückwärts laufen.

Das Ganze dient dem Training. Natürlich macht's auch Spaß, selbst im Winter - sonst kämen ja nur die ganz Verbissenen auf die Idee. Der Aufwand hält sich in Grenzen: hat man erst einmal einen geeigneten Spielplatz (bzw. je einen für die häufigsten Windrichtungen) gefunden, kann's eigentlich schon losgehen. So ein Schnellpacksack passt ja wirklich in jeden Kofferraum, und der Zeitaufwand hält sich mit ca. 2 Stunden je Einheit in Grenzen.

Nun gibt es übers Groundhandling ausreichend Veröffentlichungen und sonstiges Lehrmaterial; ich will daher nicht der anfängertypischen Versuchung erliegen, nach dem Begreifen der ersten Grundlagen umgehend größtenteils viel erfahreneren Leuten die Welt erklären zu wollen. Viel spaßiger sind ohnehin die Begleiterscheinungen. Denn Gleitschirmfliegen ist stets recht kommunikativ; das gilt auch für die Bodenarbeit.

Will heißen: man fällt auf. Was ja möglicherweise sogar für den einen oder anderen zu den interessanteren Begleiterscheinungen des Sports zählt. Auf jeden Fall zieht so ein buntes Segel zwangsläufig Passanten an; das kennt man ja auch von den Wanderern am Berg. Allerdings scheint die Gruppe der Mitmenschen, mit denen man auf diese Weise mehr oder weniger gerne ins Gespräch kommt, im Flachland doch anders zusammen gesetzt zu sein.

Denn während dem Wandersmann in Gipfelnähe schon klar ist, was der seinen Flügel auslegende Pilot wohl im Sinn haben könnte, offenbart der Flachlandbewohner hier oft erschreckende Unkenntnis. Pfiffigere Spaziergänger vermuten bisweilen einen Lenkdrachen; mittlerweile haben mich allerdings auch schon welche mit der Ansage zurecht gewiesen, an der gewählten Stelle sei Zelten verboten. Das liegt nur zum Teil am tief sitzenden Bedürfnis des deutschen Passanten, andere zu maßregeln - manchmal kann man durchaus auf die Idee verfallen, der Betroffene sei tatsächlich so doof und wolle einen in bester Absicht vorm drohenden Erfrierungstod bewahren.

Grenzwertig sind - wie so oft - die Jägersleute, die ja grundsätzlich hinter jeder Freizeitbespaßung außerhalb der eigenen vier Wände die Gefahr tief sitzender, psychologischer Schäden fürs Wild wittern. Selbst wenn an der gewählten Stelle schon seit Jahrzehnten kein Hase mehr gesichtet wurde oder, falls doch, 50 Meter neben einer gut befahrenen Straße längst in eine ziemlich gleichgültige Grundstimmung ähnlich der eines Talkshowzuschauers abgerutscht sein dürfte.

Auch wenn man es sich wie in meiner speziellen Lage - als Halter mehrerer Pferde, die nun mal speziell im Winter (weil es da in den Reithallen anstrengend zugeht; darüber schreib' ich demnächst auch mal was...) fast täglich irgendwo im Gelände bewegt werden müssen - nicht so gerne mit den wackeren Grünröcken verscherzen möchte, befallen einen ob der sagen wir mal gewagten Schein-Argumente (wenn's nicht gleich bezüglich des Grund und Bodens "dös is meins, schleich di" heißt) manchmal Zweifel ob der Qualität deutscher Realschulabschlüsse (die Hauptschule lasse ich jetzt mal weg, denn für einen Jagdschein muss man lesen und schreiben können). Denn so manche Idee, die hier vorgetragen wird, sprengt die Grenzen des gesunden Menschenverstandes.

Aus dem einen Dreiviertelkilometer entfernten Waldrand würde durch "solche Kerle mit ihren Mountainbikes" das Wild ins Feld gescheucht, wo es dann jammervoll am Stress verende. Okay, das klingt plausibel - aber wie kann man einen Gleitschirm mit einem Fahrrad verwechseln? Oder artikuliert sich hier ein Generationenkonflikt (wer mangels Bierbauch und Altersgebrechen noch einen Schirm hoch bekommt, begeht auch alle anderen jugendlichen Tollheiten)?

Überdies liegt da auch der Hinweis nahe, dass der mitten im Feld stehende Schirm die armen Rehe - denen es so schlimm nicht gehen kann, so lange mir bei jedem abendlichen Ausritt ein halbes Dutzend davon begegnet und dabei einen ziemlich entspannten Eindruck macht - ja eigentlich wieder ins Gehölz zurück und damit in Sicherheit treiben müsste. Aber oft hat man in solchen Debatten den Eindruck, dass die Herren Heger und Pfleger nicht wirklich Spaß verstehen, und verkneift sich derartige Feststellungen.

Nun gibt ja sogar der Jägersmann zu, dass so nahe an der Straße kein in Ruhe zu lassendes Wild sei, selbst ein Monstertruck nach mehrwöchigem Bodenfrost keine Flurschäden an Feldweg und Wiesenrand hinterlässt und es wirklich wichtigere Probleme - zum Beispiel die Biker, die alljährlich gegen Gage auf besagter Wiese ein Open-Air-Festival mitsamt einer Hinterlassenschaft aus abgerissenen Auspufftöpfen, großflächigen Feuerstellen und allerlei anderem Unrat veranstalten - gibt. Er habe ja auch nichts gegen den einen Gleitschirmakrobaten. Nichtsdestotrotz solle jener verschwinden. Aber warum denn bloß?

Aufschluss über die tatsächlichen Befindlichkeiten liefert ein beiläufig eingeflossener Nebensatz, den ich mir vor wenigen Tagen anhören durfte: "Ich habe soundsoviel Euro für die Jagdpacht bezahlt, und jetzt kommen da Leute her und wollen für lau ihren Spaß haben". Eine weitere Einlassung lautet, dass man den Flügel von der Straße her sehen könne und deshalb umgehend Horden von anderen Fliegern auf der Wiese zu erwarten seien. Das zeigt nicht nur Unkenntnis über die Zahl der hierzulande praktizierenden Piloten, sondern deutet auch in die richtige Richtung.

Denn da zeichnet sich generell ein unschönes Bild ab, welches durch die Reaktion auf die Frage, auf welcher der derzeit steinhart geforenen und damit ungefährdeten Flächen man denn sein Segel fliegen lassen dürfe ("do ned, des g'hert dem Cousin; do hinten scho glei gor ned, des g'hert dem sei Schwoger, und am Horizont des is dem Sowieso, der mog des aa ned"), erhärtet wird: Spaß haben darf in Bayern nur, wem "a Sach'" gehört. Mit anderen Worten: da artikuliert sich eine unsympathische Mischung aus Besitzdünkel und Sozialneid.

Übrigens, das nur am Rande: seit einigen Tagen habe ich, es gibt ja auch andere Typen, völlig unproblematisch von einem Grundbesitzer die Erlaubnis bekommen, auf einer ganz nahe gelegenen Spielwiese, die alle hiesigen Windrichtungen gut bedient, nicht nur aufziehen, sondern zu diesem Zweck auch noch mit dem Jeep mitten rein fahren zu dürfen. Wen wundert es, dass ich heute prompt des Jägers Auto erst an jenem Wiesenrand parken, dann schnurstracks in des Wiesenbesitzers Hof fahren und von dort wenig später unverrichteter Dinge wieder habe abziehen sehen? Ich gestehe an dieser Stelle: ich habe nur darauf gewartet, dass er statt dessen erst mal zu mir kommt und mir erneut den "Hasenvortrag" hält...

Man könnte nun meinen, die Jäger stellten das Gros der Begegnungen zwischen dem groundhandlenden Möchtegernpiloten und dem Rest der Welt. Das stimmt natürlich nicht; sie hinterlassen nur einen bleibenden Eindruck (und man friert BTW während eines solchen Vortrags auch dermaßen, dass man dessen Initiator nicht so schnell vergisst). Da gibt es aber auch noch ganz andere...

Zum Beispiel den netten älteren Herren, der auf einmal neben mir parkte. Selber Flieger (seit 20 Jahren) hatte der von der Straße her den Einfall, einer habe wohl zu Weihnachten einen neuen Schirm bekommen und bedürfe nun fachlicher Hilfestellung. Was ja im Prinzip nicht unsympathisch ist. So kam man nicht nur nett ins Quatschen, sondern überdies auch noch zu gerne angenommener Hilfe beim Zusammenlegen des im Winde recht widerspenstigen Flügels.

Erst am nächsten Tag bin ich ins Grübeln gekommen, wie der wohl die vergangenen 20 Jahre überlebt haben mag: die Leinen auf seiner Hälfte hatte er der Einfachheit halber einfach irgendwie aufs Tuch geworfen und selbiges dann zusammengefaltet. Beim Auspacken sah das dann wie ein Klumpen Spaghetti aus und war im Wind nicht gerade einfach zu entknoten...

Einen gewissen Unterhaltungswert habe ich auch einer vorbeikommenden Reiterin beigemessen. Selber Reiter, hatte ich zwar beim ersten Hervorspitzen von Pferdeohren am Horizont den Schirm zusammen gerafft und mich drauf gesetzt, um nicht indirekt einen Verkehrsunfall zu verschulden. Als Ross und Reiterin, ersteres durch letztere in veritabler Sado-Maso-Manier per Schlaufzügel zusammengezogen, auf der anderen Seite dem Blickfeld entschwunden waren, entfaltete ich die Rosette wieder - nur um eine knappe Viertelstunde später das gleiche Paar in gestrecktem Galopp unter zeitweiligem Kontrollverlust mehr oder weniger auf mich zu kommen zu sehen. Offenbar war es doch etwas anderes gewesen, was de beiden da so aus der Fasson gebracht hatte - trotzdem bin ich mit einem wahren Hechtsprung in den Flügel gejumpt, um bloß nicht als Ausrede für die durch einen winterlichen Ausritt offenbar völlig überstrapazierten Reitfähigkeiten herhalten zu müssen.

Immerhin funktioniert das mit dem Unterhaltungswert in beide Richtungen. Bei etwas zu viel Wind zum Zweck des Überkreuzaufzugs eingehakt (ich weiß, das macht man besser an einem Hügel - aber huste mal, wenn Du keinen Hals hast) rennt man beispielsweise manchmal ganz schön fix durch die Maulwurfshügel, die derzeit übrigens ebenfalls steinhart sind. Wenn der Wind schneller die Richtung wechselt, als man selbst zur Seite springend mit den D-Leinen ausgleichen kann, hat der Flügel die Eigenschaft, sich meist komplett nach einer Seite umzudrehen; auch das erheitert die Spaziergänger. Und meine Flüche beim Zusammenlegen im auffrischenden Wind hat sich sicher auch der eine oder andere notiert, um sie am Abend in geselliger Runde zum besten zu geben.

Kurzum: Groundhandling im Winter ist weit mehr als ein Notbehelf. Das macht richtig Spaß, und man hat darüberhinaus auch noch was zum Erzählen. Wenn der Wind passt natürlich; die zwei Wochen um Weihnachten herum hatten wir hier Inversionslage (alles grau, feuchtkalt und Nullwind), da geht natürlich nix. Aber trotzdem kann man sich die Zeit zwischen zwei Flugwetterperioden auf diese Weise auch in der kalten Jahreszeit ganz gut verkürzen.

Shoulders

 

Winterspäße

Groundhandling Anfang 2008