schlechtflieger -

Ja, wo laufen sie denn hin?

Nun ja, wenn es Flieger sind, wären zwei Möglichkeiten wahrscheinlicher als alle anderen: entweder laufen sie auf einem Berg, oder sie sind abgesoffen und in irgendeinem Seitental gelandet. Im diesem Fall laufen sie nach hause (oder wenigstens erst mal in Richtung Zivilisation).

Das mit dem Berg hat meistens den Grund, dass die Seilbahnen vorübergehend geschlossen sind - manchmal treibt es die Tütenträger aber auch des puren Spaßes wegen auf Schusters Rappen gipfelwärts. Selbst wenn sie ansonsten eher keine Hobbyalpinisten sind. So ein Berg, selbst erklommen, lehrt einen die Höhe nämlich ganz anders schätzen. Man zentriert dann auch jeden Thermikansatz noch etwas sorgfältiger...

Sowieso ist die Idee mit dem ersparten Abstieg nicht neu und verursacht bei manchem Wanderer neidische Blicke. Außerdem ist in den (nur) so erreichbaren Fluggebieten weniger los. Das liegt an der natürlichen Auslese, die sich durch das Schleppen von 15-20 Kilo Ausrüstung, Brotzeit und Klamotten auf irgendeinen Hügel ergibt. Mehr aufs Landebier fixierten Naturen geht da schon mal die Puste aus.

Allerdings sollte man dem vor dem Flugvergnügen liegenden Aufstieg schon gedanklich einige Aufmerksamkeit widmen. So sind zum Beispiel Stöcke ein wichtiger Ausrüstungsgegenstand, wenn man eine voluminöse Last auf dem Buckel auf steilen Wegen und über schmale Grate balanciert - nur überlegt man sich besser vorher schon, wie man selbige auch wieder zu Tal befördert. Im Gurtzeug geht's oft nicht, manchmal kann man sie wenigstens noch an der Ruhestelle des Beschleunigers festbinden - dumm jedenfalls, wenn man erst oben das Fehlen einer brauchbaren Option feststellt.

Wechselklamotten sind ebenfalls ein Muss. Man kommt oben nun mal selbst im Winter nass geschwitzt an, auch wenn man über die Kondition eines Zehnkämpfers verfügt. Das liegt am Rucksack, der wenig bis keine Luft an den Rücken lässt. Bevor man sich also in den Overall hüllt, sollten darunter die quatschnassen Textilien gegen was Trockenes ausgetauscht sein.

Trinken ist bekanntlich wichtig; das gilt erst recht für den Aufstieg zu Fuß. Das bringt aber leere Flüssigkeitsbehälter mit sich, die trotzdem wieder vom Berg hinunter müssen. Das Taschenvolumen der meisten Gurtzeuge ist mit dem zusammengeknautschten Packsack schon ausgereizt; selbst Wendegurtzeuge haben ihre Grenzen. Es ist also von Vorteil, wenn sich die mitgenommen Behältnisse ebenfalls irgendwie zusammendrücken lassen.

Der Gleitschirm als Abstiegshilfe verlangt also ein paar zusätzliche Überlegungen. Wobei ich persönlich die zum Gewicht spezieller Leichtausrüstungen gar nicht so spannend finde; wenn sich ein gut geformter Sack wackelfrei und körpernah tragen lässt, machen auch ein paar Kilo mehr nicht sonderlich viel aus. Hoch aufragende Lasten, also ungünstige Formen, sind schlimmer.

Neben eventuellen Zusatzanforderungen an die Ausrüstung hat die Wandernummer noch eine weitere Komponente zu bieten, die durchaus ein Vorteil sein kann. Denn die nicht mit "Bergfahrt-Erleichterungen" versehenen Berge sind oft gar keine offiziell zugelassenen Fluggebiete.

Das ist zwar einem Streckenflieger ziemlich egal, der nutzt - Fluggebiet hin oder her - jede Aufwind versprechende Geländeform und landet sowieso in jedem Gemüsegarten, der ihm gerade zupass kommt. Aber wenigstens die Gelegenheits- und A-Schein-Piloten bleiben den Arealen ohne Startplatztafel und Windsack am Landeplatz mehrheitlich fern - jedenfalls eine Weile, bevor sie ihre anfängliche Regelehrfurcht abgelegt haben und die fliegerischen Prioritäten neu ordnen.

Es ist also weniger Betrieb, wenigstens in der Luft. Denn weil es immer mehr Erholungssuchende, nicht aber mehr Berge gibt, werden letztere natürlich auch durch immer mehr nichtfliegende Zeitgenossen erklommen. Die trifft man dann auf den Wegen, in den Hütten und am Start. Das kommt einem zwar zunächst noch ganz toll vor ("guckt mich an, den Flieger"), verliert aber schnell seinen Reiz.

"Springen Sie jetzt da runter?" ist fast so alltäglich wie das bayrische "Grüß Gott" - und nervt nach einer Weile. "Nein, ich fliege da rauf" möchte man gerne antworten - wenn man sich mal bloß darauf verlassen könnte, auch eine Ablösung zu finden. Dabei wär's eigentlich egal, denn so oder so wird man, wenn's einen doch runter wäscht, dem solcherart abgebügelten Fragesteller so schnell nicht wieder begegnen. Aber man malt sich dessen belustigtes Grinsen halt doch aus...

"Also, ich würd' mich das ja nicht trauen" wird auch immer gerne genommen. Dabei interessiert es doch keine alte Sau, ob die übergewichtige und rotgesichtige Hausfrau, die solcherart ihre Bewunderung bekundet, nicht vielleicht doch demnächst den Wanderstock ins Korn wirft und sich an einen Kollegen mit Tandemschein klammert. Warum hört man den Spruch eigentlich nie von sportlichen, attraktiven jungen Frauen (blöde Frage, weiß ich schon - die fliegen selber...)?. Aber die Höflichkeit siegt ja doch und man erklärt ein ums andere Mal wieder geduldig, dass der Spaß, mit Hirn betrieben (sic!), keineswegs besonderen Mut erfordere.

Kurzum: am selbst erlaufenen Berg trifft man viel mehr Nichtflieger persönlich an. Klar, man verbringt ja auch ein Vielfaches der Zeit auf frei zugänglichen Wegen. Dagegen ist die klassische Seilbahngondel schon mit einem Pilotenkumpel und zwei Packsäcken voll, und in der Luft hat man sowieso seine Ruhe - mal abgesehen von den Babyphonen auf PMR/LPD, das ist ja mittlerweile leider eine Volksbelustigung, von der man wegen der guten Reichweite in den freien Himmel auch in einigen Kilometern Höhe noch was abbekommt. Es stört erheblich, wenn in der Thermik links das Vario piept und rechts die lieben Kleinen plärren...

Aber irgendwann ist man doch mal in der Luft. Wenn nun so ein Trupp Flieger zusammen abhebt, verstreuen die sich meist umgehend wie der sprichwörtliche Sack Flöhe in alle vier Winde (okay, vorwiegend doch leewärts). Was durch unterschiedliche Routineoder wechselndes Glück bei der Aufwindsuche noch verschärft wird: jedenfalls sind die anderen relativ fix sonstwo unterwegs.

Nun offenbaren die erwanderten und somit meist eher "halboffiziellen" Fluggebiete aber noch eine weitere Eigenheit. Sie verfügen nämlich meist nicht über den klassischen Landeplatz mit Windfahne. Gut, den braucht man, rein technisch gesehen, auch nicht unbedingt, solange sich irgendwo eine halbwegs freie Wiese ohne Stromleitungen, Stacheldraht oder Weidegräben findet; man hat ja sowieso aus der Luft meist recht gute Möglichkeiten, das Terrain erst mal in Ruhe dahingehend zu sondieren. Die braucht man auch, denn andere, die als Wegweiser fungieren könnten, sieht man halt meistens nicht.

Zudem heißt "nicht erlaubt" in diesem unseren Lande nun mal "verboten". Jedenfalls denken das viele der Landsleute, weshalb man die auserkorene Zielfläche (gestern beispielsweise eine Spielwiese mitten im Ort) mit einiger Sorge ansteuert: wird einen am Boden ein grimmiger Bauer, eine aufgeregte Mutter oder gar der Dorfpolizist mit seinem Strafzettelblock erwarten?

Ehrlicherweise sind die tatsächlichen Reaktionen in der Regel eher freundlich, aber die davon abweichenden Horrorstories diverser Piloten gehen einem im Gegenanflug über Vorstadtgärten mit sich sonnenden Damen, den ackernden Bauer oder den verdächtig einem geschützten Feuchtbiotop ähnelnden Ententeich halt doch durch den Kopf. Ganz abgesehen von der Besorgnis, die aufkommt, wenn es nicht mal eine gerade Grasfläche, sondern eben doch nur irgendwelche Hoppel-Hügel gibt...

Jedenfalls hat man von einem solchen Tag einiges mehr als vom vorhersehbaren Abgleiter im Flugschulgebiet. Und da die Geschichte nun mal mit körperlicher Anstrengung und einigem Zeitaufwand verbinden ist, muss man sich das Vergnügen auch nicht mit Horden von Wochenendpiloten teilen - nicht mal wenn es Wochenende und man selber einer davon ist.

Shoulders

 

Walk&Fly für Anfänger

April 2008 - Beobachtungen eines Betroffenen