schlechtflieger -

Fly like an eagle...

Auf einmal kam sie doch ziemlich schnell, die Ansage: "Wir treffen uns um 9 Uhr zur Landeplatzeinweisung am Wallberg". Wenige Tage zuvor waren wir noch Kuhweiden raufgestapft und runter gerannt, wobei der Boden schon immer öfter in orthopädisch grenzwertige Ferne gerückt war. Aber irgendwie war uns trotzdem allen klar, dass wir das noch nicht wirklich "Fliegen" nennen durften...

Den Wallberg (am Südende des Tegernsees) kenne ich übrigens aus nächster Nähe. Mein allererster Startversuch mit einem Gleitschirm hatte direkt ins Krankenhaus geführt, und mit dem ramponierten Flügel ließ sich am nächsten Morgen nicht mal eine Kaffeetasse heben. Aber der Mensch hat ja auch noch zwei Beine, so dass er sich bei schönem Wetter am Alpenrand durchaus bespaßen kann. Also war ich an jenem Tag ersatzhalber die knapp 1.000 Meter Höhenunterschied raufgewandert.

Allerdings zwangsläufig auch wieder runter, wobei mir meine Knie die klare Botschaft zukommen ließen, das so schnell nicht wieder machen zu wollen. Insofern fand ich die Idee, diesmal möglicherweise in ganz anderer Weise zu Tal zu kommen, gar nicht so unattraktiv. Andererseits sind einem selbst erlaufene Höhen um so bewusster, und den Blick von einer Drachenflieger-Startrampe in der Nähe des Gipfelkreuz herunter hatte ich auch nicht so toll gefunden.

Auf jeden Fall waren ja noch ein paar Kumpel vom Grundkurs dabei, die bereits einige wenige Höhenflüge hinter sich hatten. Zwar hatten die auch von mulmigen Gefühlen bis zum vorübergehenden Blackout berichtet, aber andererseits waren sie mittlerweile vollends begeistert.

Nach einer eher pragmatischen, aber durchaus Vertrauen erweckenden Landeplatzeinweisung ging's also in die Seilbahn. Dabei hatten wir den Himmel genau genommen noch gar nicht so genau sehen können - sehr wohl aber Peter, den aus ihm herab kreiselnden Fluglehrer, der den Schirm eines seiner Schützlinge ausprobiert hatte. Eine unbeschadete Ankunft auf dem Boden schien also im Bereich des Möglichen zu liegen.

In die Bergbahn schien dann schon die Sonne. Und obwohl meine Gefährten schon mal in der Luft waren, hatten auch sie noch nie von diesem höher als der Haushang gelegenen Startplatz abgehoben. Insofern war die Sache für uns alle neu und spannend. Das letzte Stück zum Startplatz war zu wandern; die Strecke kannte ich ja nun schon. Und diesmal sollte ich sie offenbar nicht wieder runter tapern müssen...

Da es mir angeraten schien, erst mal den Profis zuzuschauen, ließ ich die anderen zuerst starten. Bereits der erste war jedoch so schnell in der Luft, dass man einfach hinterher wollte. Wir hatten schlichtweg ideale Startbedingungen und mittlerweile echt schönes Wetter. Und so war es ganz schnell so weit: der erste Start war freigegeben.

Das muss Felix, dem zweiten Fluglehrer (man hat immer einen am Start- und einen am Landeplatz, die sich den Schüler per Funk gegenseitig übergeben) übrigens nicht so ganz leicht gefallen sein - immerhin war unser erstes Zusammensein vom bereits angesprochenen Unfall überschattet und dementsprechend kurz. Danach hatte ich ihn leider erst mal nicht wieder gesehen. Wer weiß, was dem beim Start durch den Kopf geschossen sein muss...

Aber das Ganze ist, jedenfalls bei solchen Bedingungen und den guten Lehrern, halb so wild. Auf einmal ist man vom Boden weg, ruckelt sich noch einen Moment in den Sitzgurt hinein, hört sich die Manöverkritik zum Start an und vernimmt ein letztes "Genieß den Flug!". Und dann fliegt man.

Das ist einfach unbeschreiblich. Dafür war also die ganze Rennerei durch die Kuhfladen gut. Klar, die erfahrenen Flieger gähnen darüber, aber das tun wir ja auch, wenn jemand beim Gedanken an ein anderes "erstes Mal" glänzende Augen kriegt. So ähnlich fühlt sich das jedenfalls an!

Man ist, anders kann ich es einfach nicht ausdrücken, auf einmal richtig alleine. Das klingt billiger als es ist; normalerweise ist man das nämlich nie so wirklich. Sonst hört man ja immer etwas oder jemand, und vor allem ist man immer an den Boden gebunden und fühlt die Schwerkraft, die frustrierenderweise immer nur in die eine, immer gleiche Richtung zieht. Aber in der Luft, in den ersten 5 Minuten zwischen der Verabschiedung des Start- und dem Übungsbeginn mit dem Landefluglehrer, ist man einfach ganz mit sich alleine, in Ruhe gelassen - kurzum: frei.

Das kann man nicht wirklich in Worten beschreiben. In jeder Richtung kommt ganz weit nichts - am nächsten wäre noch der Boden, aber auch der ist dann schon mal einen halben Kilometer oder so weg. Man hört keinen Straßenlärm, nur das Flattern des Segels. Man ist ganz direkt an der umgebenden Luft, die einen trägt. Und wenn man dem Schirm vertraut und ihm nicht mit wilden Korrekturen dreinzureden versucht, kann man sich tatsächlich zurücklehnen, alle Leinen loslassen und sich vorstellen, wie ein Vogel zu fliegen - unendlich weit, überall hin.

Okay, das ist anfangs nicht ganz einfach. Man muss zwar keine besonderen Fähigkeiten besitzen, die Schirme regeln die Angelegenheit schon weitgehend selbständig. Aber die Luft ist was Lebendiges; sie hat Strömungen und bewegt sich in alle Richtungen. Der Gleitschirmflieger bewegt sich natürlich mit, was er selber als zunächst beunruhigendes Gerumpel und Geschwanke wahrnimmt. Sicher ist nicht jeder mental in der Lage, dabei auf wilde und eher schädliche Korrekturmaßnahmen zu verzichten - aber zumindest in der Höhe bedarf es derer wirklich nicht.

Da sind die ersten Landungen schon interessanter. Denn die Geschwindigkeiten im Landeanflug sind deutlich höher als die am Übungshang. Das stellt eigentlich kein Problem dar, denn die Bremswirkung eines Schirms unmittelbar vor dem Aufsetzen ist um so stärker, je schneller dieser vorher war - aber der rasant unter den Beinen dahinfliegende Grund lässt schon mal Zweifel daran aufkommen. Erstaunlicherweise funktioniert's aber tatsächlich und man landet in der Regel, zunächst mitlaufend, kontrolliert auf beiden Beinen.

Spätestens nach der ersten Landung stellt sich heraus, ob die Gleitschirmfliegerei das Richtige für einen ist. Wenn man das Gefühl dieser freien Bewegung in allen drei Dimensionen noch im Hinterkopf hat und so schnell wie möglich wieder erleben will, hat's einen gepackt - ab da wird man vermutlich jede Woche ungeduldig den Wetterbericht studieren und auf Flugwetter hoffen. So geht's jetzt jedenfalls mir...

Shoulders

                       

Gleitschirm-Höhenflugkurs

12.10.2007 am Wallberg

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