schlechtflieger -

Vom Flughörnchen...

Kennt Ihr Flughörnchen? Putzige Tierchen, haben Flughäute, und ihr bevorzugter Lebensraum sind die Baumwipfel. Die gibt's, wie wir nun wissen, auch im Voralpenland. Aber immer schön der Reihe nach...

Der November hatte mit ein paar unerwartet schönen Tagen begonnen. Klare Ansage: ein letztes Mal in der Höhenflugausbildung angreifen und in einem mehrtägigen Block möglichst viele Flüge runterbringen. Natürlich nur wegen des Lerneffekts, ist ja klar - die zwangsläufig damit verbundene Gaudi nimmt man halt in Kauf.

Diesmal ging's aufs Brauneck, von wo aus sich nach Süden hin ein atemberaubendes Alpenpanorama bietet. Wir sind allerdings statt dessen nach Nordosten, Richtung Flugschule halt, gestartet. Und zwar von einem relativ steilen Hang, der zwar keine Kuhfladen, dafür aber bereits den ersten Schnee zu bieten hatte, was auch nicht viel griffiger ist.

Obwohl diese Hangform den Start durchaus leicht macht, ist sie für das Auslegen der Schirme eher hinderlich. Natürlich lockert es die Stimmung schon auf, wenn gelegentlich mal ein Schneeball, ein Helm oder auch ein Flugschüler auf seinem protektorbewehrten Hintern auf der Rutschbahn zu Tal schliddert, aber lästig waren die Bodenverhältnisse doch. Um so größer war das Wohlbefinden, einmal abgekommen, in der Luft, was der Ausbildung durchaus zugute kam.

Immerhin war ja mittlerweile ganz allgemein die Erkenntnis angekommen, dass die Kappe im dreidimensionalen Raum zwar öfters ruckelt und schwankt, sich aber auch fast von alleine wieder beruhigt. Und der Landeplatz ist am Brauneck sowieso recht einladend: groß und eben, gut aus der Luft zu erkennen und von hohen Baumreihen deutlich eingerahmt. Es gibt auch die allgegenwärtigen Kuhfladen darauf, man fühlt sich also - falls man auch die Grundausbildung in der Gegend absolviert hat - gleich wie zu hause.

So turnten wir also nach den per Funk übermittelten Anweisungen des Fluglehrers munter in der Luft herum, nickten, rollten und legten die Ohren an (das kann man sogar von unten sehen, denn gemeint sind die Seiten des Schirms), und hatten unseren Spaß - davon gibt es sogar einen kleinen Film (WMV, >9 min, 12,4 MB). Nachmittags allerdings pflegt dort der Wind aufzufrischen und auch auf Nord zu drehen, wofür es dann auch eine andere Landeeinteilung gibt. Will heißen: man baut seine Höhe nördlich vom Landeplatz ab, nach Süden weht's einen von ganz alleine.

Hat es einen allerdings aus irgendwelchen Gründen bereits zu weit nach Süden verschlagen, stellt man schnell Folgendes fest: auf dem Weg zurück zum Landeplatz sinkt man zwar wie ein Großer, bewegt sich dabei aber nicht wirklich viel über Grund voran. Die Baumreihen rund um den Landeplatz kann man sich dabei mit zunehmender Besorgnis angucken, die sinken nämlich nicht. Damit sehen sie immer weniger wie eine Spielfeldmarkierung und immer mehr wie ein Zaun aus. Wie ein ziemlich hoher...

"In Bayern wachsen die Bäume schnell" hatte uns der Fluglehrer bei der Landeplatzeinweisung mit auf den Weg gegeben. Prima, dann ist das mit dem sauren Regen wohl doch nicht so dramatisch gewesen, war mein erster Gedanke. Das hatte der aber nicht gemeint; vielmehr wollte er einem die Gefahr verdeutlichen, die durch Gegen-, Quer und Endanflug außerhalb einer derartigen Landeplatzbegrenzung entsteht.

Okay, es ist immer hilfreich, wenn irgendwer in der Gruppe praktische Erfahrungen zu derartigen Themen macht; da können ja alle - wenn sie hingucken - was von lernen. Aber warum muss das denn immer derselbe sein? Wie wichtig zum Beispiel die Laufbereitschaft beim Start ist, hatte ich doch bereits in eindrucksvoller Manier demonstriert; ich wage die Behauptung, dass die anderen danach alle um so motivierter die Beine in die Hand genommen haben. Und diesmal hatte es im Gegensatz zur Stolpernummer vom Bucherhang im Vorfeld auch noch wirklich ausführliche Anweisungen gegeben.

Aber es gibt immer Raum für neue Erfahrungen. Ist ja nicht so, dass "Shoulders" ein Slangausdruck für "Dorftrottel" ist; zunächst waren auch meine Landungen erst mal alle im Plan und durchaus elegant. Aber irgendwann war der Nordwind dann doch mal zu stark für die eingenommene Position, und der sichere Rückweg ins Landefeld wurde fraglich. Leider war die Situation zunächst weder für den Fluglehrer, noch den Piloten eindeutig - und dann kam auch schon die Fichte.

Genau genommen kam eigentlich erst mal eine andere Fichte. Die stand exakt im zugegebenermaßen blöden Anflugweg, war noch höher als die anderen, und alle möglichen Wege an ihr vorbei schienen auch irgendwie verkehrt zu sein. Nach links hin zur alternativen Wiese kam schon wieder eine Baumreihe oder der Leebereich daneben, und rechts standen ebenfalls Bäume. Vor allem jedoch schlug ein ganz anderer Effekt zu: wenn man ein Hindernis gebannt fixiert, fliegt man unweigerlich mitten rein.

Das wurde mir kurz vorher dann auch klar. Rechts war aber noch eine kleine Lücke, durch die es eventuell hätte gehen können. Gute Idee, aber erstens gewagt (was für Flugschüler nicht empfehlenswert ist) und zweitens zu spät. Die Rechtskurve wurde so zwangsläufig etwas schärfer, noch mehr Höhe ging drauf und die Beine streiften die Äste. Das fand ich in dem Moment zwar noch ganz gut, denn ich schien ja vorbei gekommen zu sein. War's aber nicht, denn dadurch kippte die Kappe nach rechts und vorne, was die Rechtskurve richtig steil machte - schnurstracks in eine zweite Fichte. Das war dann die Fichte.

Über deren Wipfel - gut, dass der etwas niedriger lag - legte sich der Schirm, was den Anflug endgültig beendete. Vor mir - statt Windfahne und Fluglehrer - ein Baumstamm, im Funk die lakonische Ansage "Hängst gut". Dann kam erst mal nichts; Zeit für einen zunächst beunruhigten Blick nach oben. Da lag der Schirm weit ausgebreitet über den Ästen, drohte nicht abzurutschen - und dass die Leinen einen sicher tragen, hatte man ja schon in der Luft mitbekommen. Solchermaßen beruhigt war die Zeit zum Nachdenken (sowie später für ein paar Fotos, die so auch nicht jeder hat) gekommen...

Erst mal den Ablauf nachvollziehen. Das ging relativ schnell, war ja alles auch gerade erst geschehen. Dann überlegen, was falsch gelaufen war und wie man's besser macht. Auch nicht so schwierig. Nachdem auch das abgehakt war, folgten müßige Betrachtungen über den Lebensraum der Eichhörnchen und die Art und Weise der ja wohl irgendwann zu erwartenden Bergung, sowie ein entspannter Plausch mit den herbeigeeilten Kameraden am Boden. Dann kam allmählich eine neue Idee auf: da hast Du aber wirklich schweinemäßig Glück gehabt!

Was durchaus nicht übertrieben ist. Denn wenn die Kappe nicht so schön stabil liegt, was ein eher seltener Zufall ist, rutscht sie eben ab. Das bedeutet dann den relativ ungebremsten Sturz aus (in diesem Fall) etwa dreizehn Metern Höhe, denn der Schirm ist nach so einem direkten Streifschuss oder gar zuvor in den Wipfel geknuddelt keiner mehr. Dazu müsste er sich schon (a) noch in der dafür gedachten Form befinden und (b) vorwärts bewegen. Und auf dem Weg Richtung Erdboden sagt man auch noch allen Ästen, die zudem nach unten hin immer dicker werden, persönlich guten Tag.

Mit anderen Worten: der Pilot im Baum ist oft schon der Super-GAU. Drum soll ersterer auch, in der Theorie zumindest, im extremen Notfall direkt in letzteren fliegen, das verspricht noch die stabilste Verbindung. Macht man natürlich instinktiv lieber nicht, zumal die Äste aus der Nähe recht, nun ja, holzig aussehen - eher versucht man im letzten Moment noch auszuweichen. Und dann hat man den Salat. Oder, wie in diesem Fall, mit viel Glück noch einen weiteren Baum an der richtigen Stelle, in den man dann eben doch mittig hinein kracht.

Was dann kommt, ist in der Regel die Bergwacht, die ja viel Routine darin hat, Sportler aller Fasson aus den unmöglichsten Lagen zu befreien. Die darf man an dieser Stelle ruhig mal loben und bei der Gelegenheit jedem empfehlen, in den Alpenverein einzutreten oder in anderer Form was für die Jungs zu tun. Ich kannte sie ja auch schon, die hatten mich knapp 30 Jahre zuvor schon mal aus einer noch viel misslicheren Lage gerettet.

So auch hier: vergleichsweise schnell rollte ein Jeep an, dem wackere Bergfexe entstiegen. Einer davon erklomm die Fichte und knüpfte mich nach kurzer Lagebesprechung an ein weiter oben umgelenktes Sicherungsseil an. Dann ging es ziemlich entspannt bergab. Der Schirm befand sich allerdings erst mal noch im Baum, aus dem ihn Peter dann in einer zweistündigen Aktion ziemlich unbeschädigt befreien konnte.

An dem Abend (und auch an einem weitern) wurde die Zeche in der Landekneipe denn auch etwas dicker. Natürlich gab es in den nächsten Tagen auch einiges zum Thema Bäume zu hören, was man aber gelassen sehen muss: echte Erfahrungen sammelt man ja bekanntlich nur mit Dingen, die auch passiert sind. Mit anderen Worten: man kann viel über den falschen Landeanflug lesen und schwätzen, aber wenn man ihn mal selber gemacht hat, vergisst man die richtige Höhe und Richtung (hoffentlich) wirklich nicht mehr. Und wenn dieses Lehrgeld dann auch noch keine Blessuren beinhaltet, war's per Saldo ein Gewinn.

Um an dieser Stelle Missverständnissen vorzubeugen: ohne die bisherigen Grenzfälle wär's schon angenehmer gewesen. Andererseits gehören die zum Leben dazu, und sie waren ja bisher relativ harmlos. Ich mache die ganzen Stunts auch nicht, um Stoff für diese Rubrik zu sammeln - aber wenn schon, dann sollt Ihr auch was davon haben. In diesem Sinne...

Shoulders

 

 

Flughörnchen

HFA November 2007 in Lenggries