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Zweibeinflieger

Erinnerst Du Dich noch an den "Einhandflieger"? Da stand ein frisch gebackener A-Schein-Pilot zum ersten Mal wirklich mutterseelenallein in einem Fluggebiet und erfuhr am eigenen Leib, was (Entscheidungs-)Freiheit eigentlich bedeutet. Tief beeindruckt hatte der damals seine Gedanken fest gehalten...

Seitdem war einiges geschehen. Nicht mal ein Jahr nach dem ersten Startlauf waren Winden- und B-Schein gebacken, so dass einer erwachenden Streckenflugambition zumindest rechtlich nichts mehr im Wege stand. Einige Sicherheitstrainings, erste ernsthaftere Acro-Versuche und - leider - auch ein ordentlicher Einschlag hatten meinen Horizont ein wenig erweitert. In ein paar hundert Flügen war da so manches zusammen gekommen: ein paar haarsträubende Dummheiten einerseits, aber eben auch viele einmalig schöne Momente.

Da aber nun das Fliegerleben nicht nur aus Fliegen besteht, sondern von Fall zu Fall recht viel gelaufen wird (genau genommen ja von den ersten Tagen an, aber auch von ganz vielen Absaufstellen zurück in die Zivilisation), klingt "Zweibeinflieger" auch nicht so verkehrt. Und ein solcher saß nun, anderthalb Jahre nach seinem ersten wirklichen Alleinflug, wieder alleine an einem Startplatz und hing seinen Erinnerungen nach.

Im Prinzip hatte sich seit damals nicht viel geändert. Gut, der Startplatz lag nicht in den heimischen Voralpen, sondern in Südafrika (Porterville, Dasklip Pas). Ganz alleine war ich auch nicht; ein ebenso einsamer Namibier hockte neben mir und wartete auf die Thermik. Ein riesiger Pulk anderer Flieger befand sich, es war ein Tag der afrikanischen Meisterschaften, an einem benachbarten Platz, der deutlich besser in den Wind zeigte; wir waren aber entschlossen, dem Schwarm zu entgehen und dafür notfalls auch mit dem starken Seitenwind zu leben. Außerdem war ich schon ein paar Mal von dort gestartet und hatte mir zunächst ein umfangreiches Briefing abgeholt; insofern waren mir Terrain und Situation auch nicht völlig fremd.

Das Gefühl war aber wieder so wie damals. Unten im Tal stand der verstaubte Jeep, mit dem ich am morgen zum Fluggebiet aufgebrochen war. In der Luft noch kein einziges Segel, keinerlei störende Geräusche, keiner außer mir am Startplatz (bis der Namibier kam) - nur der lange, ruhige Blick auf ein Panorama, das man so auch nicht alle Tage sieht. Und die Vorfreude; der ordentliche Südwind versprach jedem, der halbwegs seitenwindfest war und seine Chancen in dem knappen Höhenband nicht gleich vergurken würde, praktisch ewig lange nach Norden weiter fliegen zu können. Und zwar in strahlendem Sonnenschein (daheim war's Dezember, verschneit und schweinekalt).

Nach einer Stunde kamen die ersten Flügel über den Nachbarberg. Irgendwo trug's also schon mal, und wir wollten ja auch nicht in den Pulk der Wettbewerbsteilnehmer geraten. Also machten wir uns startfertig. Als zweiter in der recht überschaubaren Reihenfolge konnte ich meinem Nachbarn eine Weile beim Seitenwindaufziehen zugucken und durfte sogar noch vor, als der - das soundsovielte Mal seitlich ins Gestrüpp gezogen - eine entnervte Pause einlegte. Ich hatte mehr Glück und war ziemlich schnell in der Luft; das "Have fun!" des anderen noch im Ohr begann leider auch gleich erst mal das große Sinken.

Da man nun in dieser Gegend tunlichst nicht hangnah rumkratzen sollte (da gibt's nur häßliche Felsen, Soaren geht wegen der starken Mini-Ablösungen nebst den dazu gehörigen Turbulenzen eh nicht, und selbst ein hypothetischer Retter käme zu Fuß gar nicht zu einer Absturzstelle) und der Wind ohnehin von der Seite anstand, versuchte ich mein Glück lieber gleich an zwei, drei potentiellen Auslösestellen im Flachen. Deren letzte brachte es dann zum Glück doch noch, es ging nach oben und ich durfte kurz darauf über dem nächsten Gipfel kreisen. Im Süden hatte sich der erste Wettbewerbspulk über Pampoenfontein versammelt und ich wusste, dass deren Task schnell in meine Gegend führen würde.

Grund genug abzuhauen. Vor mir zog sich eine viele Kilometer lange Ridge nach Norden, und man konnte sich an zwei beeindruckenden Panoramen gar nicht satt sehen. Links die Tiefebene von Porterville, eine ewig weite, gelbbraune Fläche mit bewirtschafteten Abschnitten und einer Bergkette am Horizont. Rechts das Hochtal von Citrusdal und dahinter die beeindruckenden Cederberge. Die Thermik hatte sich eingeschaltet, und hinter mir war mein Namibier endlich auch in der Luft. Wenn auch nicht für lange; bis der zu meiner Ablösung kam, war sie nämlich weg.

Die vorherigen Tage war das mit der Thermik ja nicht so doll gewesen. Hatte man mir jedenfalls gesagt; etwa zwei Wochen vorher war ich noch mit einem Trupp Piloten auf Robs Terasse zusammen gehockt und hatte den ersten fliegbaren Tag überhaupt erhofft. Einige waren bereits seit zwei Wochen in der ganzen Kapprovinz unterwegs gewesen, ohne in die Luft zu kommen. Und tatsächlich wurde es langsam besser, allerdings führte mich mein Weg kurz darauf erst mal ganz woanders hin - da konnte man zwar auch fliegen, aber das ist eine andere Geschichte...

Jetzt aber war sie voll da, die berühmte südafrikanische Dezemberthermik. Zwar durchaus spannend; da wechselte man schon öfters mal in einer Sekunde vom Viermetersinken ins Sechsmetersteigen. Aber sooo beängstigend, wie das alte Südafrikahasen gerne erzählen, ist es nicht: vor dem großräumigen Panorama nimmt man den Wechsel nämlich deutlich entspannter wahr als wenn in unmittelbarer Nachbarschaft zwar viele Schrofen, aber keine Landemöglichkeiten liegen. Und so ging es, den Wind (und den Pulk) im Rücken, zügig nordwärts.

Nach einer knappen Stunde allerdings stand eine Entscheidung an. Für eine Querung der Ridge zwischen Bumpy und Teenage (zwei markante Spitzen auf der Ridge mit der einzigen ordentliche Querungsmöglichkeit. "Teenage" ist übrigens angeblich eine Kurzform von "teenage tits", an die die Gipfelform erinnern soll. Was sie auch tut...) sprach die Möglichkeit, an diesem Tag wirklich deppensicher eine Riesenstrecke nach Norden fliegen zu können. Zumal der ganze Bojentrupp auch in diese Richtung unterwegs zu sein schien und es theoretisch auch einen Rückholer gab.

Dagegen sprach der Umstand, dass es Freitag war. Nun werden dort aber freitags auch die Löhne ausgezahlt und oft umgehend in Trinkbares umgesetzt, was zur Folge hat, dass ab Einbruch der Dämmerung, pardon, die Hottentotten besoffen von den Bürgersteigen fallen. Das festzustellen und so zu formulieren ist jetzt politisch gar nicht korrekt, aber ich hab's leider nur allzu oft live erlebt - und die Einheimischen raten deshalb dringend vor Autofahrten am Freitagabend ab. Dass "Drink and drive" zudem von Insidern als südafrikanischer Nationalsport verspottet wird, lässt weiteres Ungemach erahnen; ein Bekannter war erst wenige Tage zuvor völlig unverschuldet auf seinem Motorrad tot gefahren worden. Kurzum; ich wollte mich ganz gerne noch am Nachmittag auf den 200 km langen Rückweg machen.

Nun hätte man bei dem eigentlich üblichen Westwind, der nachmittäglichen "Sea breeze", wunderbar in beide Richtungen an der Ridge langfliegen können. Dummerweise war die ausgeblieben und es trieb einen immer weiter nach Norden, wo dann irgendwo die Straße (naja, der Sandweg) endete. Und vor dem angrenzenden Farmland war man in Robs Briefing gewarnt worden; der Farmer hätte was gegen Piloten und die frei laufenden Hunde seien "as big as horses". Wenig verlockend, da einige Kilometer durchzulatschen.

Also krebste ich eine Weile so etwa einen Kilometer hinter dem Wegende über der Farm herum und versuchte, einen Eindruck vom Sinken gegen den Südwind zu bekommen. Das war wenig ermutigend, so dass ich mich nach einigen Versuchen samt Wiederhochkurbeln auf den Rückweg machte. Das gestaltete sich dann gar nicht ermutigend.

Zwar fanden sich reichlich Thermikstellen, die aber stets vom Wind versetzt waren. Man kurbelte sich also immer wieder hoch, stieg dann aus und versuchte, halbwegs beschleunigt südwärts zu fliegen. Nur um dann ziemlich oft nur wenige hundert Meter von der Einstiegsstelle entfernt wieder unten anzukommen. Und zurück zum Jeep waren's noch 20 Kilometer...

Der folgende Teil artete in verbissene Kleinarbeit aus. Schön und hoch zu fliegen war nicht unbedingt ein Problem - nur das Heimkommen an sich gestaltete sich zu einem. Mittlerweile war der ganze Pulk im Nachbartal weiter nordwärts unterwegs, praktisch kein Flügel weit und breit half beim Thermikfinden, es wurde immer wärmer, und den Terminus "Zweibeinflieger" durch eine stundenlange Wanderung im Sand zu zementieren hatte ich auch keine Lust. Außerdem wurde mir das Wasser, von dem ich schon am Startplatz einen Teil verbraucht hatte, knapp.

Etwa zweieinhalb Stunden nach dem Start kurvte ich schon zum dritten Mal über der gleichen Rinderkoppel rum, als mir klar wurde, wie nahe ich dem Ziel eigentlich schon gekommen war. Eigentlich konnte man ja doch landen gehen; der drohende Fußweg schien nicht mehr sonderlich schlimm. Also nach Süden hin in den Gleitflug, der erstaunlicherweise immer schneller wurde. Der Grund war offensichtlich und hieß Windgradient; zum Boden hin nahm der Gegenwind halt stark ab. Nur will man da halt meistens ums Verrecken nicht hin, schon gar nicht wenn man's noch weit hat - und außerdem macht Fliegen ja auch Spaß!

Die letzte Hürde kannte ich schon: komischerweise hatte ich dort bislang bei jeder Landung gegen den überregionalen Wind unmittelbar vor dem Aufsetzen eine gewaltige Rückenwindkomponente bekommen. Erklären kann ich das nicht, aber schlimm war's auch nicht - nur beim ersten Mal glaubt man noch, jetzt gleich im Sprintertempo durch die Termitenhügel zu rennen. Tatsächlich lässt der Effekt auf den letzten anderthalb Metern so schnell wieder nach, wie er eingetreten ist, und man kann sauber ausflaren - nur muss man's halt mögen, wenn das Sinken in etwa 5-10 Meter Höhe plötzlich aufhört, während die Fuhre gefühlt doppelt so schnell wird. Aber inzwischen hab ich's oft genug erlebt; das tut nicht weh.

Vor den Augen eines einsamen Feldarbeiters war ich tatsächlich, nur eine halbe Stunde später als erhofft, bis auf ein paar Hundert Meter zurück ans Auto heran gekommen. In der Luft hatte ich ja noch mit meinem Entschluss gehadert, auf all die tollen (und sicheren) XC-Poserkilometer zu verzichten und statt dessen einen mühsamen Rückweg anzutreten. Jetzt aber war ich stolz wie Bolle. Trotz einer großen Herde Cracks mit Vorbildfunktion hatte ich ohne Rückendeckung durch Kumpel und Vereinskollegen einen anderen, schwierigeren Plan gemacht und bis zum Ende durchgezogen. Nicht unbedingt zum ersten Mal, aber diesmal ganz allein in Afrika.

Auf dem Rückweg saß ich trotz Linksverkehr vollkommen glücklich im Jeep, hing den alten und neuen Erinnerungen nach und nahm mir vor, dem Kapitel "Einhandflieger" endlich eine Fortsetzung hinzu zu fügen. Was jetzt, einen Monat später, ja auch passiert ist.

Shoulders

 

Zweibeinflieger

Ein Flugtag im Dezember 2009