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Einhandflieger

Nein, ein "Einhandflieger" ist keiner, der einhändig fliegt. Das würde schon beim Start komisch aussehen, und damit ist auch nicht gemeint, dass einer unterwegs mal die Leinen loslässt, um vielleicht eine Kamera zur Hand zu nehmen oder sich am Sack zu kratzen.

Ich meine damit ganz was anderes: nämlich wirklich alleine fliegen. So ähnlich wie ein Einhandsegler alleine segelt. Gut, in der Luft ist man schon ziemlich alleine, vor allem die Streckenpiloten kennen das Gefühl. In besonderem Maße eigenverantwortlich zu handeln gehört nun mal zu dem, was Fliegen so besonders und schön macht.

Aber eigentlich haben wir doch immer irgendwie Bundesgenossen um uns herum. In der Ausbildung sowieso, und natürlich sucht man sich auch sonst gerne Kumpel zum gemeinsamen Abheben. Alleine macht so ein Landebier ja auch nur den halben Spaß.

Spätestens am Startplatz, das liegt in der Natur der Sache, bekommt man stets mit, dass auch andere das Wetter nutzen und im gleichen Fluggebiet unterwegs sind. Darum kommt einem die Gegenwart anderer Flügel, deren Piloten je nach Bedarf als Dummies, Thermikanzeiger, potentielle Unfallhelfer oder schlicht als Bestandteil der Landschaft wahrgenommen werden, von Anfang an ganz normal - bei größerem Andrang auch schon mal lästig - vor.

Bis sie das erste Mal fehlen. Da wird einem nämlich erst klar, wie selbstverständlich man immer unbewusst auf die anderen geschaut hat. Obwohl einem immer gepredigt wurde, dass man einzig und alleine das eigene Gefühl zur Entscheidungsfindung "Start oder Talfahrt" heranziehen soll, hilft es doch schon sehr, wenn man Mitstarter hat und deren Abheben beobachten kann. Es beruhigt, wenn sich andere scheinbar ruhig und vergnügt in der Luft bewegen - und außerdem erfährt man durch sie, ob und wo es gegebenenfalls aufwärts geht. Oder auch nicht.

Aber irgendwann kommt sicher für die meisten mal der Moment, in dem man ganz alleine in einem Fluggebiet steht und auch demnächst keine Gesellschaft zu erwarten ist. Geschieht dies nach vielen Fliegerjahren am Hausberg, macht man sich vielleicht weniger Gedanken - mir ist es aber erstens doch ziemlich am Anfang meiner Fliegerei und zweitens an einem Startplatz passiert, den ich bislang nur ein einziges Mal zum Groundhandling (nebst Ansage der Locals "bei dem Wind sollten die Ortsunkundigen heute nicht rausfliegen") besucht hatte.

Weil nämlich am nächsten (Werk-)Tag wider Erwarten noch ein Rest vom Zwischenhoch übrig war und bis zum frühen Nachmittag ideale Bedingungen am Starthang herrschen sollten. So sah es jedenfalls auf den Wetterseiten aus. Glücklicherweise konnte ich mich vorübergehend über Mittag freimachen und bin noch einmal hingefahren - um vor Ort im Vergleich zum Vortag, an dem Dutzende Tütenpiloten den Platz bevölkert hatten, diesmal keine Menschenseele zu sehen. Weder am Boden, noch in der Luft. Sowas kannte ich bislang noch nicht.

Ganz ehrlich: das war schon irgendwie spannend. Zwar war der Startplatz nahezu ideal, eine große, rutschsichere Wiese ohne Stolperfallen im direkten Hangaufwind. Das Rückwärtsaufziehen hatte ich, zumindest für ein solches Gelände, mittlerweile hinreichend geübt. Der Plan hieß zwar Toplanden, aber auch ein Ausweichlandeplatz im Abgleitbereich war vorhanden und frei. Und das Wetter deutete darauf hin, noch eine Weile unverändert fliegbar zu bleiben.

Also Ausrüstung ausgepackt und angelegt, ein paar Aufzugsübungen gemacht, per Handy eine Art Flugplanung ("ich bin am Startplatz XY, hebe jetzt ab und melde mich spätestens um soundsoviel Uhr am Boden zurück") durchgegeben, nochmal tief durchgeatmet - und dann los. Beruhigenderweise hob es mich gleich ordentlich über den Startplatz und ich konnte mich in einiger Entfernung vor dem Hang einachtern. So weit, so gut.

Es folgte meine ganz persönliche Wiederentdeckung der Relativitätstheorie. Kennt jeder: eine Minute beispielsweise ist verdammt kurz im Bett und verdammt lang vor einer verschlossenen Klotüre. Zeit ist halt etwas Relatives und vergeht wie im Flug, wenn man sich so richtig amüsiert. Zwei Wochen zuvor hatte ich ein paar schöne Flüge bei Kaiserwetter und in Gesellschaft eines Dutzends anderer Piloten nur etwa halb so lang eingeschätzt, wie sie laut Aufzeichnung dann tatsächlich waren.

Diesmal war es umgekehrt: mir kam ein jeder Flug mehr als doppelt so lange vor, wie er tatsächlich war. Weil ich über den ganzen Kram, den man eben doch meistens nebenbei und bequem über die anderen mitnimmt, permanent und intensiv nachgedacht habe. Wo war doch gleich die Hochspannungsleitung (und warum laufen über die "Plan-B-Ersatzwiesen" im Lee vom Wald auf einmal noch ein paar davon), stimmen Windrichtung und -geschwindigkeit noch, wo senkt's einen im Hangverlauf ordentlich ab, wie sehen die Wolken aus, reicht die Höhe noch für ein Ausweichen zum Landeplatz...?

Hinzu kamen ein paar lokale Besonderheiten. Da der Startplatz zwar riesig war, aber eben doch irgendwann nach hinten senkrecht in einen Steinbruch abfiel, stießen in einer gewissen Höhe der dort doch deutlich horizontalere Gegenwind und eine Art Leethermik zusammen - mit anderen Worten: da, wo es ruppig wurde und schon mal ein Flügelende einklappte, war noch nicht so richtig viel Abstand zum Boden gewonnen. Also immer schön Abstand halten und auf den Groundspeed schauen, einen Fuß im Beschleuniger (das geht mittlerweile schon sehr viel routinierter als am Hausberg, wo ich das Ding auch schon mal unterwegs - weil nicht eingehängt - beim beherzten Reintreten fast abgeworfen habe) und immer wieder testen, ob man denn noch in allen Lebenslagen vom Hang weg kommt.

Auch das Band für Hanglandungen war nicht unbegrenzt hoch. Nach oben hin endet jeder Hügel mal, und hier ging er auch nach unten hin irgendwann in steile Felsen über. Will heißen: ab einem gewissen Höhenverlust gehen einem die Hanglandemöglichkeiten aus; gleichzeitig wird es eng, um noch zum Landeplatz im Tal zu kommen. Dazwischen liegen aber noch ein Ort und ein Fluss...

Kurzum: während wir bei den normalen Höhenflügen schon mal Zeit für eine Fotografie oder ein Filmchen, Rumspielen mit dem GPS, einen Funkspruch an die Kumpel oder auch bloß ein vorübergehendes Verlassen der Aufwindbereiche für eine entspannte Runde weit über dem Tal hatten, war diesmal Vollzeitbeschäftigung angesagt. Nicht überraschend, man denkt ja - hoffentlich - vorher schon über seine Flüge und die Gegebenheiten nach, aber eben doch neu.

Bei der Gelegenheit verdienen unsere Ausbilder nochmal ein kleines Sonderlob. Die vielen Flugübungen, die sie uns hatten machen lassen (in anderen Flugschulen, vorzugsweise in Feriengebieten, ist offenbar - wie ich mittlerweile von anderen A-Schein-Absolventen erfahren habe - bei einem Dutzendmal Nicken und Ohrenanlegen Schluss), erfüllen den ihnen zugedachten Zweck: ein plötzliches Wegdrehen des Schirms, ein kleiner Klapper oder auch ordentliches Herumnicken in den Aufwindbereichen machen zwar nicht wirklich Spaß (mir als Fast-noch-Flugschüler jedenfalls nicht), versetzen einen aber auch nicht in Angst und Schrecken - und lassen sich ausgleichen! Man hat das Gewackel ja doch schon einige Male gefühlt. Jedenfalls ist das sprichwörtliche "aktive hangnahe Fliegen" auf einmal etwas, was man tatsächlich mehr oder minder annehmbar tut, statt bloß drüber gelesen zu haben und doch eher Spielball zu sein.

Auf jeden Fall war dieser Flugtag eine einmalige Erfahrung. So ähnlich wie der erste Höhenflug, nur dass es diesmal weniger um das (geführte) Fliegen als ums fortgesetzte alleinige und richtige Entscheiden ging. Selbst den Beschluss, irgendwann bei weiter zunehmendem Gerumpel in der Luft aufzuhören, gezielt und ohne 180er Puls topzulanden und das Geraffel einzupacken, habe ich nicht wie ein "Aufgeben", sondern vielmehr mit einem richtig guten Gefühl als gewollte und richtige Entscheidung empfunden. Vielleicht sollen sich die Dinge in einem Fliegerhirn ja tatsächlich so abspielen.

Aber ich habe es auch für wesentlich schwieriger gehalten, als mit irgendeiner Truppe gemeinsam loszuziehen oder auch bloß am Startplatz noch ein paar andere Segel ausmachen zu können. Was natürlich wieder einen positiven Effekt hat: ich freu' mich schon wieder auf den nächsten entspannten Flug "in Gesellschaft" - zur Not aber auch bloß auf den nächsten überhaupt fliegbaren Tag!

Shoulders

 

Einhandflieger

April 2008