schlechtflieger -

Als die Kerle laufen lernten...

Es war ja eigentlich nur eine Party bei Freunden. Eine von denen mit guter Musik und einer großen Bar, wo Steff nach einigen Gläsern mit der verhängnisvollen Frage "Was hältst Du eigentlich vom Gleitschirmfliegen" herausrückte...

Das war im Sommer. Es folgte der Herbst - und auf einmal trafen wir uns zu unchristlich früher Zeit vor der Flugschule am Brauneck wieder. Was noch wenige Tage zuvor gar nicht so sicher war; immerhin hatte Bayern gerade zwei Wochen Dauerregen erlebt.

"Wir fahren zum Bucherhang" wurde alsdann die Tagesparole ausgegeben. Uns wurscht, den kannten wir genauso wenig wie irgendeinen anderen Hügel. Das sollte sich ändern; tatsächlich fand schließlich der ganze Kurs bei echt schönem Wetter an der so bezeichneten schräg geneigten Kuhweide (samt der dazugehörigen Fladen) statt.

Von wegen Flugsport - zunächst wurde dort mal ausgiebig gelaufen. Und zwar andauernd: erst muss man rennen, damit man abhebt, dann muss man zumindest dazu bereit sein ("Laufbereitschaft!" lautet anfangs die häufigste Ermahnung aus den in Ohrnähe quäkenden Funkgeräten), damit man bei der Landung nicht auf die Schnauze fällt. Und schließlich will das ganze Geraffel wieder den Hang rauf gebuckelt werden.

Nun ist so eine Alm aber keine Aschenbahn. Die rund 25 Quadratmeter Tuch, die hinter einem flattern, sind auch nicht gerade hilfreich und wollen zudem halbwegs kontrolliert in der Luft gehalten werden. Zieht man zu sehr, kommen sie nicht hoch. Läuft man schief, fällt die Kappe zur Seite runter. Und wehe, man läuft nicht genug oder bremst nicht an, wenn man sie endlich oben hat - dann wird sie zu schnell und zieht einen schon mal kopfüber von den Stelzen.

Ganz abgesehen vom ersehnten ersten Abheben: wer glaubt, damit sei es mit der Lauferei vorbei, wird beim ersten unvorbereiteten Bodenkontakt erst recht unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Und zwar wörtlich, denn wenn man nicht erst noch vorsorglich eine Weile in der Luft mit strampelt, schlägt die Geschwindigkeit über Grund schlagartig zu, und es haut einen von den Beinen.

Wie also fliegt so ein Ding denn überhaupt? Nun ja, mit dem richtigen Dosieren der Bremsleinen kann man schon Einfluss auf Geschwindigkeit und vor allem Flugrichtung der Kappe nehmen. Nach oben (bzw. nicht ganz so steil nach unten wie das Startgelände) ist grundsätzlich gut, dann fliegt man auch. Wenngleich erst mal nur für ein paar Sekunden, was allerdings in den meisten Fällen schon als irreversibler Suchtauslöser taugt.

Ab da beginnt dann der richtige Spaß. Denn auf einmal hat die Welt eine fühlbare Dimension mehr. Klar, deren drei hatte sie auch vorher schon, aber der Mensch ist, da weder Vogel noch Maulwurf, nun mal ans Relief (Klugscheißersprache für "Oberflächenform") gebunden. Und sich von dieser Fläche lösen zu können ist - nun ja, einfach geil!

Finden übrigens auch die Taucher, die ja Ähnliches unter Wasser erleben. Prinzipiell haben die aber einen entscheidenden Nachteil: sie müssen in Ermangelung von Kiemen einen Haufen Gerätschaften mit sich herumtragen, und trotzdem ist ihr Aufenthalt im dreidimensionalen Raum zeitlich eng limitiert. Außerdem geht's im Fall gravierender Fehler zwar für beide nach unten, was jedoch nur für den Flieger gleichbedeutend mit der Rückkehr in sein eigentliches Lebensumfeld ist und außerdem - theoretisch - durch den Rettungsschirm unterstützt wird.

In den nächsten Tagen lernt man dann, nicht nur irgendwie vom Boden weg zu kommen, sondern Start, Landung und sogar den Flug dazwischen (der am Ende tatsächlich schon mal anderthalb Minuten dauern kann und damit schon halbwegs seinen Namen verdient) immer mehr zu kontrollieren. Da dabei übrigens die Funkgeräte aller Schüler auf Empfang stehen, ist eigentlich durchgehend für Unterhaltung gesorgt - denn so manche Beobachtung eines angehenden Luftakrobaten gewinnt durch die akustische Untermalung des Fluglehrers ("Nicht flattern!") erst so richtig an komödiantischer Qualität.

Für die sorgten auch die Begleitumstände. Die Rindviecher beispielsweise, die sich oft viel zu sehr für die abgestellten Ausrüstungsteile interessierten oder manches Landemanöver zu einer Art 3D-Slalom umgestalteten. Oder die mehr oder minder eleganten Manöver der Möchtegernflieger bei Start (die Sache mit dem über den Kopf schießenden Schirm) und Landung, die auf dem Hintern sitzend deutliche Abzüge in der B-Note einbringt.

Okay, nicht alles dabei ist so komisch wie es sich anhört - der Autor zum Beispiel ist nach seiner ersten Laufübung erst mal mit einer ausgekugelten Schulter in die Klinik gebracht worden (wobei der Ablauf des Sanitätereinsatzes an und für sich schon wieder für einige Lacher gut gewesen wäre). Aber sowas ist erstens nicht die Regel und zweitens auch nicht wirklich hinderlich; jedenfalls hat sogar der am übernächsten Tag wieder angegriffen und seine Grundausbildung auch abgeschlossen. Daher stammt übrigens auch der (Funkruf-)Name unter dem Bericht...

Dafür gelangten aber alle Beteiligten mehr oder weniger in die Luft. Was natürlich in erster Linie den Lehrern zu verdanken war, die wirklich jedem mit zielgerichteter Anleitung über teils höchst individuelle Fehler hinweg halfen: einer landete vorzugsweise auf dem Allerwertesten, einer flatterte - man will ja nichts unversucht lassen - beim Abheben wie ein Vogel mit den Armen, einer musste sich selbst für einen 100m-Flug tief im Gurtzeug häuslich niederlassen, und ein anderer wollte ums Verrecken die Tragleinen nicht freigeben. Aber schließlich flogen wir alle.

Am Ende hatte das Fliegervirus wohl jeden fest in den Krallen. Einige Glückliche gingen unmittelbar in die Höhenflugausbildung (ab da hat's eigentlich erst wirklich was mit Fliegen zu tun) über, andere mussten den Traum mangels Zeit und Gelegenheit erst noch eine Weile aufschieben, und einige wollten lieber erst noch eine Weile in Bodennähe üben - aber begeistert waren alle. Wir sehen uns also am Himmel wieder - Blue Sky!

Shoulders

 

Gleitschirm-Grundkurs

Oktober 2007 in Lenggries