sattelfest -

Stoßverkehr

Wer glaubt, ein Reiter sei bloß einer, der auf dem Rücken eines Pferdes sitzt, sieht die Welt zu simpel. Tatsächlich gibt es ziemlich viele Arten, sich auf dem Rücken eines Pferdes zu betätigen. Weil sich das aber in der Regel breit auf Dressurvierecke und Springplätze, Gelände und Turniere verteilt, fällt's nicht so auf.

Das ändert sich im Winter. Wenn es draußen nasskalt und eklig wird, konzentriert sich vielerorts der Reitbetrieb auf die Reithallen. Mit anderen Worten: auf engem Raum treffen die unterschiedlichsten Charaktere und Reitweisen aufeinander. Was für den Beobachter erstens lehrreich und zweitens unterhaltsam ist.

Vereint auf begrenzter Fläche stellt sich nämlich erst heraus, wie verschieden die Damen und Herren Pferdepiloten wirklich ticken. Im Sommer mögen Reiterfreundschaften entstehen - im Winter liegt die Reizschwelle dafür um so niedriger. Schon manche Sippenfehde sizilianischen Ausmaßes hat ihren Anfang in einer überfüllten Reithalle genommen.

Theoretisch wird das gemeinschaftliche Reiten in Stoßzeiten ja durch die sogenannten Bahnregeln und -figuren entschärft. Die muss natürlich auch jeder kennen, einsehen und befolgen, damit sie funktionieren. Das Gegenteil zeigt sich aber schon beim Betreten der Reithalle - eigentlich durch einen simplen Dialog ("Tor frei?" - "Ist frei") geregelt, was aber so manchen offenbar klar überfordert.

Da rauschen einige ohne sonderliches Interesse an einer Antwort unter fröhlichem "Tor frei" in die Halle, als handele es sich bei ihrem Text um die Reitervariante von "Guten Abend". Andere rufen gerne mal "ist frei" zurück, auch wenn sie sich gerade am anderen Ende der Halle befinden, während hinter ihnen soeben einer auf das Tor zu galoppiert.

Ganz Coole antworten mit einem lässigen "Ja", als seien sie persönlich um einen Gunstbeweis gebeten worden - das versteht man draußen aber nicht, und nicht mal in der Bahn kann man sich sicher sein, ob der Vokal nun einem selbst galt oder aber Bestandteil einer der vielen Unterhaltungen war.

Die nehmen im Winter ohnehin zu. Viele Reiter verstehen das Pferd eher als Vehikel für das entspannte Austauschen von Klatsch und Tratsch und ballen sich in der kalten Jahreszeit zu Schwatzgemeinschaften zusammen, die im Schritt auf mehreren Hufschlägen dahin bummelnd jede ernsthafte Arbeit zuverlässig lahm legen.  

Allerdings tragen nicht nur die wandernden Kaffeekränzchen zur Akustik bei. Leider. In dieser Hinsicht noch schlimmer sind diejenigen, die unterm Reiten ausgiebige Gespräche mit ihrem Vierbeiner führen. Das findet je nach sozialem, intellektuellem und mentalem Hintergrund in unterschiedlichen Ausprägungen statt.

Einige belegen ihren Vierbeiner ja mit Kraftausdrücken, die Unbeteiligten eine klare Botschaft vermitteln: der Reitsport ist längst aus elitären Höhen herabgestiegen und fallweise in der Bahnhofsgosse angekommen. Andere kompensieren private Ängste mit lautstarkem Schimpfen oder überflüssigen Anordnungen, sobald das Ross auch nur mit einem Ohr zuckt - das besonders beliebte Mantra "Hörst' jetzt auf!" führt hier die Hitliste an.

Auch Lob wird oft in einer Weise ans Pferd heran getragen, die letzteres eher wenig interessiert, dafür jedoch allen Mitreitern die Botschaft vermitteln soll, dass da irgendwem irgendwas gelungen ist. Ein unüberhörbares "Feeiiiin!", meist aus weiblichem Munde, oder schallendes Klatschen mit der flachen Hand auf den Pferdehals bereichern so die allgemeine Geräuschkulisse - auch wenn Pferde lieber kurz gestreichelt als lang gehauen werden und sich die anderen Reiter sowieso nicht sonderlich für das Erfolgserlebnis des Vortragenden interessieren.

Kurzum: im Reitsport hat eine schleichende Entwicklung von dezenter Stille hin zu lautstarkem Nonsens statt gefunden. Wie im Radio, wo die populären Sender in erster Linie pausenlos verkünden, dass man sie eingeschaltet hat. Kommt beides - beispielsweise in einer Reithalle mit Radio - zusammen, wird es grenzwertig.

Konfliktpotential wohnt auch den unterschiedlichen Intentionen und Fähigkeiten von Reitern inne, die ihre Reiterei ernster nehmen und dabei auf begrenztem Raum miteinander auskommen müssen. Auch wenn sich die ganz guten dadurch auszeichnen, dass sie irgendwie immer gerade woanders zu sein scheinen, was man auch als vorausschauendes Reiten interpretieren könnte, sehen sich andere schon von den einfachsten Verkehrsregeln überfordert.

Ein Beispiel gefällig? Gerne. Die Bahnregeln räumen bekanntlich dem Reiter auf der linken Hand die Vorfahrt ein; die anderen weichen nach innen aus. So kann jeder sein Pferd nach Bedarf biegen, ohne dass es zu Kollisionen kommt. Selbst wenn schwächere Reiter ihr Ross der Einfachheit halber bevorzugt links herum auf Vorfahrt bürsten, um sich derweil ungestört mit anderen Feinheiten - Sitz und Einwirkung beispielsweise - befassen zu können, kommt man miteinander aus.

Leider kriegen einige nicht mal mehr das gebacken, weshalb mancherorts ein Relikt aus den Zeiten viel zu kleiner Reitbahnen erneut in Mode kommt: das sogenannte "Reiten auf einer Hand". Wer hierbei die Richtung wechselt, verlangt von allen anderen kurzerhand dasselbe, was allen Beteiligten eine Menge Mitdenken erspart. Schlecht für den, der gerade an der Rechtsbiegung arbeitet, während die Ansage "linksrum" ertönt - bequem freilich für all diejenigen, die gar nicht wissen, was eine Rechtsbiegung ist, und die das auch herzlich wenig interessiert.

Mit anderen Worten: ein eher bescheiden angesiedeltes reiterliches Durchschnittsniveau erkennt man unter anderem an der regelmäßigen Ansage "Handwechsel bitte!". An reihenweise mit Hilfszügeln verschnürten Pferden übrigens auch, aber das ist - obwohl beide Symptome oft zusammen anzutreffen sind - ein anderes Thema.

Spaßig wird es immer dann, wenn Fortgeschrittene mit einiger Kenntnis der Bahnregeln auf die "Einbahnsimpel" treffen. Denn geregelt ist nur, wie es auszusehen hat, wenn schon auf einer Hand geritten wird - nicht aber, wer letzteres bestimmt. Hat das nicht gerade der Reitlehrer (auch ein pikanter Aspekt, auf den wir noch mal kommen) festgelegt oder einer mit gutem Grund (z.B. ein junges Pferd) erbeten, wird es lustig. Denn wie im Straßenverkehr ist es durchaus wahrscheinlich, dass ein Anfänger mit dem Wunsch, die von ihm gewählte Richtung vorübergehend zur Einbahnstraße zu erklären, von den Führerscheininhabern was gehustet bekommt...

Trotzdem versuchen immer wieder welche, ihre Not nicht nur zur Tugend zu erklären, sondern gleich zur Norm zu erheben. Das ist wie im wirklichen Leben: gerade wer selber eher wenig kann, schafft um so lieber anderen was an. Was nicht nur Würze in die vorgenannte Richtungsdebatte bringt, sondern auch ein anderes Phänomen erklärt: warum es nämlich in einem durchschnittlichen Reitstall wenigstens soviel "Ausbilder" wie Reiter gibt. Tatsächlich mutiert fast jeder Pferdebesitzer, der eine Reitbeteiligung in den Sattel lässt, umgehend zu deren "Reitlehrer" - auch wenn er selber noch Lichtjahre vom Abschließen einer Art Grundausbildung entfernt ist.

Sowas wird immer dann interessant, wenn mehr als einer dieser AOL'S (="Ausbilder ohne Lizenz", wie man in Reiterkreisen gerne witzelt) gleichzeitig in der Bahn agieren. Denn erstens nehmen sie alle zusätzlichen Platz weg, wenn sie meist in der Mitte eines Zirkels stehend ihr Opfer bespaßen. Und zweitens kommt es schnell zu akustischen Überschneidungen, die durch das konkurrierende Bestreben verschärft werden, die Botschaft "Schaut - bzw. hört - her, ich bin auch wer" auch an die übrigen Anwesenden verbreiten.

Mit anderen Worten: die Ausbildung Einzelner, gar noch durch eher unbedarfte Möchtegernlehrer, ist in etwas volleren Reithallen ein Problem für alle anderen. Das kann man aber noch toppen - wenn nämlich einer zum Reiten zu faul, fürs winterliche Wetter zu zimperlich und zum Spazierenreiten zu feige ist. Was in dieser Lage immer gerne genommen wird, ist longieren - meist am bloßen Halfter. Vor allem im Winter, wenn ängstlichere oder reiterlich schwächere Naturen den Vierbeiner vor dem Aufsteigen erst mal vorsorglich etwas müde machen wollen. Ersatzhalber wird der Vierbeiner auch manchmal einfach in der Halle spazieren geführt.

Beides geht spätestens bei normalem Reitbetrieb nun eigentlich gar nicht. Das Pferd an der Longe belegt, abgesehen von der am Halfter bestenfalls vorübergehenden Kontrolle durch den Longenführer, eine komplette halbe Reithalle. Das am Strick geführte stets zwei Hufschläge. Das eine wie das andere ist in Stoßzeiten sozial nur schwer verträglich, nicht ganz ohne Risiko und überdies durch die ungeliebten Bahnregeln verboten, was den Urhebern aber oft völlig schnuppe ist.

Denn die haben die perfekte Ausrede parat, sich über die Befindlichkeiten ihrer Mitreiter hinwegzusetzen: es geht ihnen nicht um die eigene Person, sondern ums Pferd (ähnlich setzt auch so manche Mutter ihren Kinderwagen im Supermarkt ein). Das muss schließlich bewegt werden - und wenn man weder kontrolliert nach Bahnregeln, noch bei schlechtem Wetter draußen reiten kann, haben die übrigen Menschen eben Pech gehabt. Die nahe liegende Frage, ob man bei solchen Einschränkungen denn überhaupt ein Pferd haben muss bzw. sollte, traut man sich oft nur hinter vorgehaltener Hand zu stellen.

Nun ist es zwar wünschenswert, wenn Reiter die Bedürfnisse ihrer Pferde vor ihre eigenen stellen, das nennt man Horsemanship. Bedenklich wird es, wenn sie sie auch vor die anderer Reiter stellen, weil ihnen die gängige Alternative - Reiten lernen und in gemeinschaftsfähiger Weise zu praktizieren - zu unkommod ist. Denn dann bleibt es nicht bei Longierversuchen in belegten Hallen. Vielmehr wird dem edlen Ross aus falsch verstandener Tierliebe oder wegen unzureichenden Einflusses auch sonst allerlei erlaubt, was den Reitbetrieb gefährdet.

Will es beispielsweise äppeln, darf es ohne Vorwarnung stehenbleiben, wo es gerade ist - auch wenn dahinter eine Massenkaramboulage aufläuft. Hat der Reiter nur begrenzte Kontrolle darüber, wohin die Reise geht - kein Problem, Hauptsache, das Ross bekommt ausreichend artgerechte Bewegung. Und wenn es nach anderen schnappt oder diese an die Bande drängt, stellt das bereits erwähnte "Hörst' jetzt auf!" schon den Gipfel der Erziehungsversuche dar - alles andere könnte ja des Vierbeiners Seelenleben beschädigen. Da zeigt sich vielleicht tiefempfundene Pferdeliebe, aber ganz bestimmt kein gesunder Menschenverstand mehr.

Kurzum: die Damen und Herren Reitersleute stellen, pfercht man sie auf begrenztem Raum zusammen, eine interessante Versuchsanordnung dar. Wohl dem, der nicht unbedingt zur Unzeit irgendwas Ernsthaftes mit einem Pferd machen muss und deshalb das Chaos amüsiert beobachten kann - oder ihm ausweicht, indem er im Winter vermehrt ins Gelände verschwindet.

Solange sich immer mehr Leute mit immer weniger Kenntnissen zur Pferdehaltung berufen fühlen, dürfte sich das winterliche Klima von Jahr zu Jahr weiter verschärfen. Es ist daher durchaus spannend zu verfolgen, welcher Stil sich letztendlich durchsetzt, denn ein gutes Beispiel alleine funktioniert erwiesenermaßen längst nicht mehr. Vielleicht lässt sich in einigen Jahren ein noch viel extremerer Artikel schreiben; mal sehen, was der Alltag noch so alles bringt... 

Shoulders

 
 

Stoßverkehr

Beobachtungen in winterlichen Reithallen