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Rausgeflogen

Für einen Springreiter gibt es bekanntlich viele Möglichkeiten, einen Parcours - unfreiwillig - vorzeitig zu beenden. Die Klassiker darunter, dreimaliges Verweigern oder neuerdings auch der Sturz vom Pferd, besitzen darunter nicht unbedingt den größten Erinnerungswert, obwohl natürlich Unfälle (vgl. "Shoulders") eine Sonderrolle spielen.

Den hat schon eher - beispielsweise - das Springen eines Hindernisses in der falschen Reihenfolge oder Richtung. Manchmal ist ja bloß ein vorübergehender Kontrollverlust des Piloten die Ursache, denn nicht jedem ist der Sinn dressurlicher Grundlagenarbeit geläufig. Aber viel häufiger ist der Reiter für einen Moment völlig von der Rolle.

Oder auch für länger. Ich hab' mal bereits nach dem zweiten Sprung total die Übersicht verloren. Gerade so schön in Fahrt nahm ich von da an kurzerhand einfach irgendwelche Hindernisse mit, die sich gerade anzubieten schienen - darunter auch einen Oxer falsch herum. Das muss so gewollt ausgesehen haben, dass erst nach fast einem halben frei erfundenen Parcours hastig abgeklingelt wurde.

Verlässt einen wie in diesem Fall unterwegs zwar die Orientierung, nicht aber die Begeisterung, ist alles möglich. Eine Vereinskameradin fing so nach einem fehlerfreien Ritt in bester Laune kurzerhand noch mal von vorne an. Das bringt einem zwar neben einigen Lachern die umgehende Disqualifikation ein, trübt aber nicht wirklich das Empfinden - immerhin hat man ja sogar länger als die andern seinen Spaß gehabt...

Darum laufen die Springreiter vor der Prüfung durch den Parcours und prägen sich alles ganz genau ein. Dumm, wenn sie mal nicht dazu kommen; dann hilft allenfalls noch das Beobachten eines anderen Reiters in der Prüfung. Was bei weitem nicht dasselbe ist...

Solcherart unvorbereitet bin ich auch einmal in eine grenzwertig kleine Halle geraten, in der aber alles an Hindernismaterial zu stehen schien, dessen der Parcourschef habhaft werden konnte. Einige Hindernisse waren sogar doppelt von unterschiedlichen Seiten zu springen, weshalb sie auch jeweils zwei Nummern, dafür jedoch überhaupt keine Richtungshinweise mehr besaßen. Zwar wurde mir für ein paar Minuten der Versuch gestattet, mir die Reihenfolge vor Ort einzuprägen - leider nur mit begrenztem Erfolg.

Nach dem sechsten Hindernis fiel mir denn auch nichts Besseres mehr ein, als das auf einer Tribüne an der Stirnseite versammelte Publikum um Rat zu fragen. Auf die laut gerufene Frage "wo geht's denn weiter?" erscholl ein vielstimmiges "Sprung sieben!" - nicht wirklich hilfreich, aber in der Sache korrekt. Zwar zeigte ein sich den Bauch vor Lachen haltender Parcourshelfer verstohlen in die richtige Richtung, aber das konnte einen abenteuerlichen Haken samt Abwurf nicht mehr verhindern.

Aber hier geht's ja um tatsächlich stattgefundene Disqualifikationen. Die blühen einem auch dann, wenn man Start- oder Ziellinie nicht durchreitet. Man kann ganz schön vom Trainer zusammen geschissen werden, wenn man nach einem fehlerfreien Ritt ganz glücklich vom Prüfungsplatz reitet, die Ziellinie allerdings etwas weiter und versetzt hinter dem letzten Hindernis lag...

Oder, natürlich, wenn man den Parcours bereits unterwegs verlässt. Auch schon passiert; mir ist nicht nur einmal ein besonders unmotivierter Vierbeiner wider alle Lenkversuche geradewegs wieder zum Eingang raus gerannt, als er auf seiner Reise zum ersten Mal wieder an diesem vorbei kam. Da freut sich auch das Publikum.

Seltener ist das Losreiten vor der offiziellen Freigabe durch der Richter Klingelzeichen Grund für den finalen Rauswurf. Das ist besonders pikant, wenn diese einen nach dem Gruß nur stumm ansehen, nicht aber warnen - so hat mal hinter mir noch ein Helfer im Parcours gewerkelt, den ich nicht gesehen hatte.

Prompt begannen die Oberen nach dem ersten Sprung mit ihrem Geklingel, dessen Sinn sich mir - es fiel ja keine Stange - nicht so recht erschließen wollte. Nach dem vierten Hindernis bin ich ziemlich entnervt zum Richterturm geritten und habe gefragt, was der Unsinn soll; Frage und Antwort sorgten für Erheiterung bei den Zuschauern; ich fand's weniger komisch.

Schließlich kann man auch aus eigenem Entschluss selber unterwegs aufhören, wofür es gute Gründe geben kann. Zum Beispiel wenn das Pferd einfach einen schlechten Tag hat; dann muss man es ja nicht unbedingt bis zum Ende durchquetschen. Eher ungewöhnlich fand ich hingegen der Fall einer jungen Reiterin, die auf eine vom Trainer oder Papa zugerufene Manöverkritik hin einen extremen Schmollanfall bekam und keinen Meter mehr reiten wollte...

Eigentlich ist es ja komisch, dass man sich an besonders peinliche Auftritte - meist die eigenen - stets besser als an Siege und Erfolge erinnert. Da braucht's gar nicht dank moderner "Pannen-Shows" salonfähig gewordene Schadenfreude über echte Unglücke anderer; vor der eigenen Haustüre finden sich viel bessere Schwänke. Es hat Spaß gemacht, mal wieder ein paar davon hervor zu kramen.

Shoulders

 
 

Rausgeflogen

oder: Wie man einen Springparcours vorzeitig beenden kann