sattelfest -

Großes Herz und schwache Stelzen - eine Reverenz

Jeder Reiter kennt zwei Arten von Pferden. Solche, die man ganz besonders ins Herz geschlossen hat, auch weil sie Besonderes geleistet haben - und alle anderen. Eines aus der ersten Kategorie hat sich (bei mir jedenfalls) längst ein Stück Unsterblichkeit verdient, und diese Schuld löse ich jetzt ein.

Die Rede ist von "Mister", einem mittlerweile 17 Jahre alten Holländerwallach, der seit 1998 zur Familie gehört. Das (Spring-)Pferd, welches mich von der Einsteiger- bis zur schweren Klasse getragen und mir dabei jeden nur denkbaren Reiterfehler (ich hab' sie alle gemacht!) vor Augen geführt hat. Das Pferd, das auch in der Dressur vorn dabei war und viele hundert Geländekilometer auf dem Tacho vorweisen kann. Das Pferd, welches ich nach Verletzungen monate- und jahrelang gepflegt habe, und das im Gegenzug auch mich schon in die Klinik geschossen hat. Das Pferd, das vor allen anderen (immerhin schon 6 eigene) immer in besonderer Weise "meines" bleiben wird...

Was eigentlich nicht jeder so ganz nachvollziehen kann. Zwar ist "Mister" ein ausgesprochen zutraulicher Zeitgenosse, der stets des Menschen Nähe sucht und wirklich jeden begeistert (oder hungrig?) willkommen heißt. Aber er ist mit 1,80m Stockmaß auch groß, sogar sehr groß, und dabei alles andere als schwerfällig - und er neigt seit jeher zu Temperamentsausbrüchen. Mit anderen Worten: er fördert die Sattelfestigkeit. Absichtlich oder gar bösartig hat er allerdings noch keinen auf die Erde gesetzt...

Im Gegenteil: bereits am ersten Tag am Hofe rutschte er beim Springtest auf der Wiese aus, ich ging über den Lenker und das Erste, was ich beim Aufsetzen sah, war die Schnauze des verwunderten Riesen, der sofort nach seinem verloren gegangenen Piloten schauen gekommen war. Da war er acht Jahre alt. Für mich ein klarer Fall: auch wenn ich ihn offenbar nicht so richtig reiten kann, wird das meiner!

So richtig geschickt im Umgang mit seinen eigenen vier Beinen war der Mister eigentlich nie. Und trotz besonderer Talente im Parcours ist auch kein sogenannter "Selbstläufer"; das hat ihm auch gelegentlich geschadet. Zu mir kam er ja, dressurlich eher vernachlässigt, mit vernarbten Maulwinkeln und fiesen Druckstellen auf der Nase - offenbar hatte man zuvor ernsthafte Probleme gehabt, ihn im Parcours unter Kontrolle zu bringen.

Dafür verstanden wir uns aber beim Ausprobieren auf Anhieb, wobei ersteres für einige Lacher sorgte. Man hatte mir nämlich zuvor gesagt, der verabredete Wallach sei lahm und an seiner Statt allenfalls eine Fuchsstute zu testen. Also bemerkte ich beim Absteigen, dass mir die eigentlich recht gut gefallen würde, wenn's halt bloß keine Stute (die im Sport als schwierig verschrieen sind) wäre: es war auch keine, und mein Ruf als Volldepp stand erst mal fest...

Selber hat der Mister allerdings ebenfalls den Ruf, nicht der Hellste zu sein - und zwar, im Gegensatz zu mir, auch heute noch. Den verdankt er nicht nur den Grimassen, die er schneiden kann, oder seinem Hang, bisweilen auf kleinste Geräusche hin loszukaspern. Er ist nämlich auch ein richtiger Tölpel. Ich kenne sonst keinen, der regelmäßig beim Hufauskratzen versucht, noch ein weiteres Bein zu heben (und dann halt umfällt), der im Stand wie ein indischer Yogi die Beine verschränken kann und dann nicht mehr vom Fleck kommt, der sich im LKW regelmäßig ein paar Hufeisen runterzieht und im Hänger auch schon mal nach hinten raus schaut. Wie der teils schwere Parcours überlebt, ist mir bis heute ein Rätsel.

Leider hat er sich mit seinem manchmal eher unkoordinierten Bewegungsdrang auch schon selber schwer geschadet. Zwei Koppelunfälle haben jeweils dramatische Sehnenschäden nach sich gezogen, in deren Folge er operiert und jeweils sehr lange gesund gepflegt wurde. Bei "kontrollierter Bewegung", will heißen: keine Koppel, kein Paddock, dafür jeden Tag stundenlang Schritt reiten und bloß keinen Buckler riskieren.

Was gar nicht so trivial war: der wusste ja nicht, dass er jeweils viele Monate lang zwecks Heilung besser keinen Hupfer zuviel machen sollte. Ihm tat ja auch nichts weh, er war trainiert wie Schwarzenegger und mental auf Wettkampf gepolt. Und wenn komischerweise alle anderen auf einmal keine Zeit haben, beim Bewegen eines solchen Pulverfasses zu helfen, bedeutet das unterm Strich: jeden Tag selber ziemlich lange beim Pferd sein. Oft morgens vor der Arbeit, und sowieso noch mal abends danach. Im Winter sind das fast schon Nachtschichten...

Das heißt: Jahrelang überhaupt keinen Urlaub mehr, keine Touren und auch sonst nicht mehr allzu viel vom "Spaß mit Hirn". Also eine Logistik, wie man sie sonst nur für kranke Kinder entwickelt (wobei man die theoretisch ja noch mitnehmen kann). Kurioserweise schweißt sowas mindestens genauso wie die gemeinsam erlebten Höhenflüge zusammen, so dass heute mehr denn je die Ansage gilt: "Mister" bleibt bis zu seinem hoffentlich noch fernen Lebensende bei mir, das hat er sich mehr als verdient.

Diese Phasen haben jedoch nachhaltig an der Substanz gezehrt, so dass ich ihn Ende 2006 schweren Herzens endgültig aus dem Springsport heraus genommen habe. Sein letztes Turnier lag da sowieso schon über ein Jahr zurück. Mittlerweile gilt er als ausgeheilt, aber so nötig haben wir's nun auch wieder nicht - nachdem der viele Jahre lang alles für mich gegeben hat, kriegt er jetzt alles von mir.

"Mister" war sozusagen mein erstes richtiges Lehrpferd. Machte man die Dinge allzu falsch, servierte er einem prompt die Quittung und ließ einen bisweilen richtig dumm aussehen. Das kann er heute noch.

Aber andersherum hat er auch immer zuverlässig sein Letztes gegeben, wenn man sich ihm gegenüber präzise verständlich machen konnte. Was für die allermeisten Pferde keineswegs selbstverständlich ist. Andere haben sicher mehr Fehler verziehen, mehr und leichtere Erfolge eingebracht - aber mit "Mister" hab' ich ein ganzes Stück besser reiten gelernt.

Unter einem anderen Piloten hätte "Mister" das Zeug zum Weltpferd gehabt. Das ist einigen nicht verborgen geblieben, und man hat mir mehrere Male unverschämt viel Geld für ihn geboten. Zum Glück bin ich nie darauf eingegangen, und so habe ich mit ihm vieles erleben dürfen, das einem reinen Amateur mit eher knappen Mitteln sonst üblicherweise verwehrt bleibt. Wir haben auch mal in größere Turniere hinein geschnuppert, sind Siegerrunden im roten Rock geritten (also gut, er hatte keinen an) und können - obwohl ein Pferd schneller als ein Mensch altert und "Mister" daher jetzt eher zu den Senioren gezählt werden muss - heute noch wesentlich Jüngeren zeigen, wo der Hammer hängt.

"Mister" ist heute wieder topfit und wird täglich ernsthaft geritten. Will heißen: viel Dressur (denn auf Arbeit steht er nach wie vor, dabei fühlt er sich einfach am wohlsten), wo er seine im Lauf der Jahre erlernten S-Lektionen zeigen kann, und mindestens genauso viel Ausritte in die Pampa. Er hat das geleistet, was das Schicksal vieler guter Pferde ist: zu seinen eigenen Lasten einen schwachen Reiter besser gemacht. Wovon heute wiederum andere Pferde profitieren.

Und dafür muss man zutiefst dankbar sein.

Shoulders

 
Mister Calypso   Hadj A
  Hautesse
Antilope   Ramiro Z
  Notre Dame

"Mister" (ehem."Impala")

...irgendwann in Ingolstadt-Spitzlmühle