nachgedacht -

Was ist eigentlich ein "Risikosportler"?

Was für eine Frage! Ist doch ganz einfach: das ist einer, der einer Tätigkeit nachgeht, die weder für seinen Lebensunterhalt erforderlich ist, dafür jedoch die Gefahr birgt, dass ihm dabei ordentlich was passiert.

Wir sprechen also von jemandem, der offenbar nicht ganz helle ist. Oder als Adrenalinjunkie eigentlich ein Fall für die Suchtberatung wäre. Woraus folgt: den muss man vor sich selber schützen. Und die Allgemeinheit, speziell deren Geldbeutel, ebenfalls. Womit meistens eine Diskussion über Haftungsaussschlüsse oder gar Verbote beginnt.

Allerdings sehen die Betroffenen das meist ganz anders. Ihr wichtigstes Argument scheint darin zu bestehen, dass sie irgendwie richtig Spaß haben. Und dann sehen die meistens auch noch so aus, wohingegen recht viele sogenannte Breitensportler zwar ebenfalls einen von der Kraft durch (Lebens-)Freude erzählen, dabei jedoch meist recht verbissen dreinschauen.

Nun gut, Spaß kann man auch haben, wenn man ordentlich einen im Tee hat. Das behaupten jedenfalls vor allem diejenigen, die mit dem Saufen mehr Erfahrung als der Durchschnitt haben - und die haben ja tatsächlich ein Suchtproblem. Ist also auch der Lustgewinn durch gelegentliche Adrenalinschübe dazu geeignet, langfristig die Zurechnungsfähigkeit zu untergraben?

Vielleicht. Aber so einen biochemischen Kick kann man doch auch einfacher haben. Vor allem, ohne erst die meist etwas anspruchsfähigeren Fähigkeiten zu erwerben, die klassische Risikosportarten - wobei der Begriff noch zu untersuchen ist - prägen. Beim Bungee zum Beispiel, oder bei einem Tandemsprung; dazu braucht man gar nix können, lernen oder üben. Und Junkies gehen bekanntlich, jedenfalls solange sie die Wahl haben, den einfachsten Weg.

Tatsächlich machen das und Ähnliches ja auch allerlei Leute, die sich nie im Leben als Risikosportler verstehen würden und genau genommen nicht mal wirklich sportlich sind. Zum Beispiel auf Volksfesten, wenn sie sich belustigt kreischend von allerlei Fahrgeschäften durchschütteln lassen. Das, was sich da im Körper abspielt, unterscheidet sich nicht gar so sehr von den Vorkommnissen in dem eines Drachenfliegers oder Bergsteigers, so dass dessen oft erheblicher Aufwand an Zeit, Geld, Training und - ja, eben! - auch Risikobereitschaft doch noch andere Gründe haben muss.

Hinzu kommt, dass der Begriff "Risiko" schon extrem relativ ist. Was genau soll denn damit gemeint sein - vielleicht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass irgend etwas passiert? Dann müsste man aber alleine schon aus statistischen Gründen erst mal über Breitensportarten wie Fußballspielen oder Skifahren diskutieren. Oder die Wahrscheinlichkeit, dass ein an und für sich eher selten vorkommender Unfall besonders schwerwiegende Folgen zeitigt? Dann stellt sich jedoch doch zuerst mal die Frage, warum solche Unfälle denn nicht öfters vorkommen.

Dafür gibt es genau zwei mögliche Erklärungen. Erstens die der vergleichbaren kleinen Anzahl von - beispielsweise - Fallschirmspringern, Springreitern oder Rennfahrern. Die ist aber banal, denn für die Bewertung einer Tätigkeit kann man nur unter denen sinnvolle Beobachtungen anstellen, die sie auch betreiben.

Wesentlicher ist, dass die Protagonisten genug trainieren und lernen (müssen), um überdurchschnittliche Fähigkeiten zu entwickeln. Wobei sie ja klugerweise nicht mit dem Jahrhundertstunt anfangen, sondern in der Regel wie auf allen Gebieten des täglichen Lebens einen Lernprozess vom Leichteren hin zum Schweren durchlaufen.

Das alleine eröffnet schon neue Perspektiven, denn natürlich unterscheidet sich so über kurz oder lang nicht nur ihre persönliche Risikowahrnehmung von der eines Außenstehenden. Vielmehr ist auch die wirkliche Gefahr für sie merklich geringer, als sie es für letzteren wäre - und wie der sie in Unkenntnis von Materie und Routine einschätzt.

Die schwarze Buckelpiste ist natürlich für den Ziehwegfahrer ein psychologisches Schrecknis, und in sie einzufahren die pure Unvernunft. Aber es gibt ganz klar Menschen, die hierbei eben nicht solche Besorgnis empfinden und sie auch dank ihres Potentials nicht zu haben brauchen. Beide Extreme stellen kein Problem dar, denn es passiert ihnen ja nicht allzu häufig was.

Dazwischen fangen die Probleme an. Man kann ja auch zu jung oder zu dumm sein, um ein Risiko wahrnehmen und kalkulieren zu können. Passiert dabei lange nichts, entsteht sogar eine besonders verhängnisvolle Wahrnehmungsstörung, denn dann glaubt man irgendwann nicht mehr an die Existenz bestimmter Gefahren, obwohl die keineswegs unrealistisch, sondern bloß selten sind. Begründet wird dies mit "Erfahrung", ohne zu begreifen, dass man Erfahrungen nur mit Dingen sammeln kann, die auch wirklich passiert sind.

Dummerweise kann man dem routinierten Extremsportler nicht mehr ansehen, ob er seine gewachsenen Fähigkeiten dem vorsichtigen Herantasten an persönliche Grenzbereiche oder aber totaler Ignoranz im Verlauf seiner Lern- und Trainingsjahre verdankt. Schlimmer noch: man kann nicht mal losgelöst von irgendwelchen Fähigkeiten alleine aus dem Eingehen eines Risikos verlässlich auf Mut und dem meist damit gekoppelten stabilen Charakter schließen; es könnte auch einfach hirnverbrannte Dummheit sein.

Mit anderen Worten: ob ein Risikosportler beneidet und bewundert, oder aber belächelt und bedauert werden sollte, lässt sich nicht aus der von ihm ausgeübten Tätigkeit als solcher ableiten. Dazu bedarf es vielmehr des kritischen und genauen Blicks auf Persönlichkeit und Motive - und der hängt natürlich auch stark vom Beobachter ab, der keineswegs stets die Objektivität gepachtet hat.

Wer zum Beispiel ein eher ängstlicher Typ ist, muss noch lange nicht damit zufrieden sein. Auch bzw. gerade dann nicht, wenn er eingesehen hat, dass nicht über seinen Schatten springen kann. Da spielen auch Gefühle wie Neid oder ein Minderwertigkeitsempfinden mit, die es ihm leichter machen, Mutigere als verrückt oder gar gestört anzusehen. Der Verstand gewöhnt sich jedoch an die private Wertfindung, was zu genauso verschobenen Sichtweisen wie eine aus Dummheit oder jugendlicher Unerfahrenheit geborene Unverwundbarkeitshaltung führt.

Solche Umdeutungen klappen - wenn man nicht acht gibt - in ganzen Gesellschaften. Wir haben es ja mittlerweile tatsächlich fertig gebracht, sogar die Feigheit zu einer Art Tugend zu erheben. Das beschränkt sich beileibe nicht auf einen Lebensbereich; immer häufiger werden zum Beispiel auch Betrug als "Cleverness", Berechnung als "Weitsicht" und Skrupellosigkeit als "Vernunft" apostrophiert. Und wir erleben es auch anders herum, wenn zum Beispiel Zivilcourage als Dummheit infrage gestellt wird...

Aber so ein Etikettenschwindel ist ein kurzlebiger Luxus. Möglicherweise wird es uns in weniger guten Zeiten mal leid tun, dass ehemals geschätzte Tugenden wie eben auch der sich in der Bereitschaft zur Grenzerfahrung manifestierende Mut ein recht rares Gut geworden sind.

Es ist deshalb zielführend, sich intensiv mit Risikosportlern zu unterhalten und deren Motive zu erfragen, statt sich selber ein - meist abwertendes - Bild zurechtzubasteln. Das führt dann in aller Regel auch zu einem weiteren Aspekt, der vielen solcher Tätigkeiten gemein ist. Die Rede ist vom Erlebnishorizont, der sich keineswegs auf den Adrenalinkick beschränkt; den kann man, wie bereits gesagt, auch leichter haben.

Befragt man einen Bergsteiger oder Gleitschirmflieger, so wird man vermutlich etwas von der intensiveren Wahrnehmung von Freiheit, Ruhe und der schönen Bergwelt zu hören bekommen. Ein Militaryreiter wird das vertrauensvolle Zusammenspiel zweier grundverschiedener Lebewesen unter schwierigen Bedingungen hervorheben, ein Starkwindsurfer vom Gefühl schwärmen, praktisch unbegrenzt verfügbare Naturkräfte um ihn herum nach Belieben anzapfen zu können. Und die eher akrobatisch orientierten Extremsportler werden die durch Training und Grenzerweiterung gewonnene Körperbeherrschung als ultimatives Lebensgefühl loben.

Anders ausgedrückt: die meisten dieser Leute lassen sich nicht auf die verantwortungslose Suche nach dem ultimativen Kick reduzieren. Und beschränkt sind auch weit weniger davon, als man vielleicht annehmen möchte. Dass sie als Nebeneffekt des ihren Hobbies gemeinsamen hohen Trainingsbedarfs eher selten unter den Folgen von Übergewicht oder Bewegungsarmut leiden (und damit der Allgemeinheit ganz nebenbei einen Dienst erweisen, der durchaus auch mal gegen das stetige Beschwören potentieller Unfallkosten angeführt gehört) ist ohnehin schon ein Vorteil - und sie haben gegenüber Außenstehenden eben in gewisser Weise einen erweiterten Horizont.

Den hat natürlich auch ein Intellektueller, der vielleicht die körperlichen Aspekte des Lebens zugunsten schrankenloser Reisen des Geistes sträflich vernachlässigt. Auch wer sich stets an allen und jedem zu verbiegen bereit ist, nimmt dafür vielleicht besonders intensive Gefühle von Frieden und Harmonie wahr. Und wer sich spirituell allzu weit vom Boden entfernt, glaubt bisweilen gar sowas wie Erleuchtung erfahren zu haben...

Allen gemein ist eine Erweiterung der eigenen Wahrnehmung, die sich von außen nicht qualifizieren lässt. Ob die sich mehr nach außen oder mehr nach innen richtet, ist für das Prinzip unerheblich. Hinzu kommt das zutiefst menschliche Bedürfnis, sich in irgendeiner Weise vom Durchschnitt abzuheben, wobei man letzteren ja idealerweise etwas unter sich sieht. Mit anderen Worten: den Risikosportler treiben auch keine grundlegend anderen Befindlichkeiten als den Rest der Welt um.

Man kann - und wird! - natürlich eine ganz eigene und fallweise durchaus distanzierte Einstellung zu all den unterschiedlichen Formen von Selbstfindung und Weltsicht haben. Aber dabei muss einem klar sein, dass man sich schlicht über vieles noch gar kein Urteil bilden kann, solange man es nicht selber versucht hat. Wenn diese simple Einsicht Schule macht, bekommen wir eine tolerantere Welt.

Shoulders

"Riskosportler"

Ein Erklärungsversuch (2007)