nachgedacht -

Haste Töne?

Neulich in der Fußgängerzone. Ein paar Musiker spielen in einer Seitengasse richtig guten Jazz und sind mit Herz bei der Sache. Da macht das Zuhören Spaß. Leider ist solches Vergnügen nicht die Regel.

Denn am nächsten Tag dringen an der gleichen Stelle ganz andere, vertraute Töne ans Ohr, was keineswegs ebenso angenehm ist. Die kalte Jahreszeit hat wie jedes Jahr ihre ersten Vorboten geschickt: peruanische Indios, die auf einer Art Panflöte eine asthmatische Version von "El Condor pasa" zum Besten geben.

Wir kennen das schon seit Jahrzehnten in Form mehrköpfiger Poncho-Combos, die alljährlich etwas Farbe ins triste Novembergrau unserer Breiten bringen. Leider sieht man die nicht nur, man hört sie auch - und zwar lange bevor die putzigen Wollmützen und -umhänge das Auge erfreuen. Infolgedessen ist der Durchschnittspassant beim Passieren der Trüppchen meist schon recht geladen und eher nicht mehr in Spenderlaune.

Mittlerweile schickt die Anden-Mafia ja vermehrt Einzelkämpfer ins Feld, die nur noch anstandshalber zu einer Instrumentalversion vom Band übers Rohrende röcheln. Das weckt natürlich die Hoffnung, dass vielleicht in einigen Jahren auch der letzte verbliebene Flötist wegrationalisiert wird und man am Ende nur noch die Kaufhausmusik vom Rekorder hört. Dessen Batterien halten zum Glück nicht ewig; vielleicht wird er ja auch geklaut.

Nun soll es hier gar nicht darum gehen, ob einem die Musik als solche gefällt. Vielmehr führt so ein Lama-Pfeifer zum Nachdenken über die generelle Grenzwertigkeit bestimmter Musikinstrumente, die natürlich meist akustischer Natur ist. Dabei will ich nicht mal von fremden Kulturkreisen reden, in denen vielleicht eine Sitar oder eine Schlangenbeschwörer-Tröte den Inbegriff musikalischer Harmonie verkörpert; darüber von hier aus zu urteilen wäre vermessen. Mir reicht einiges von dem, womit man hierzulande so rumdudelt.

Mit anderen Worten: es gibt bestimmte Tonerzeuger, die man am liebsten an ganz anderen Körperstellen des unglücklichen Musikanten sehen möchte, als sich das der Instrumentenbauer gedacht hat. Ich nenne sie "Arschloch-Instrumente", und diese Andenflöte, die man ja auch ganz gut mit einer leeren Bierflasche imitieren kann, ist darunter mein persönlicher Spitzenkandidat. Vielleicht ahnen das die Panflötisten und schauen deshalb immer ein wenig verschreckt - wie Kilroy - über den Rand ihres Pfeifenzauns.

Flöten stellen hierzulande sowieso eine eher unglückliche Instrumentenwahl dar. Es ist ja nicht nur der Gesichtsausdruck des Musikanten, der unter dem Funktionsprinzip von Flöten in jeglicher Bauweise leidet. Hinzu kommt der Umstand, dass wir in einem Lande leben, in dem zumindest früher ganze Generationen von Kindern ihre erste Begegnung mit der Hausmusik in Form einer Blockflöte erlebt haben.

Das solcherart vielfach erlittene Trauma wurde zwar in der Regel erfolgreich durch die gequälten Mienen der Verwandtschaft kompensiert, vor der sich der junge Nachwuchskünstler mit "Der Frosch ist tot" oder "Alle meine Entchen" abzumühen hatte - aber die Position der Flöte auf der Beliebtheitsskala der Musikinstrumente hat sicherlich auf beiden Seiten unter dieser speziellen Kindheitserinnerung gelitten. Leider ist diese Information über bundesdeutsche Befindlichkeiten offenbar nie bis nach Peru gelangt.

Überhaupt finden sich im Horrorkabinett der eher unbeliebten Musikinstrumente vornehmlich solche, in die man irgendwie hineinbläst. Oder die Luft wieder aus ihnen hinaus drückt, wenn man den Dudelsack hinzurechnet, der ja auch erhebliche am Geduldsfaden des Zuhörers zerren kann. Immerhin wird letzterer in aller Regel in lustiger Kostümierung gespielt, was einen gewissen Ausgleich darstellt.

Dafür jedoch kennt (und fürchtet) man in manch deutschem Haushalt ein weiteres Blasinstrument, welches akustisch eher beschränkt ist, dafür jedoch mit seltener konzeptioneller Dummheit glänzen kann: die Melodika. Kennt Ihr das? Das ist so eine Art Pusterohr mit einer längs darauf angebrachten Klaviertastatur. Das wird meist erst mal jenen Kindern als Trostpreis geschenkt, die schon früh Interesse am sakralen Orgelspiel erkennen lassen; darum findet man sie auch eher in katholischen Haushalten. Denn eine Kirchenorgel sprengt ja, wie jeder weiß, meist den räumlichen und finanziellen Rahmen der Durchschnittsfamilie.

Außerdem gibt man sie denen, die kompliziertere Formen kontrollierter Tonerzeugung wie durch das Abdecken von Löchern oder das Zupfen von Saiten mangels Geduld und Geschick schon als Kind verweigern. Erste Erfolgserlebnisse zeigen sich zwar schnell: "Alle meine Entchen" ist beispielsweise recht früh fürs Publikum identifizierbar.

Leider war's das meist auch schon, denn so eine Melodika sieht richtigen Tasteninstrumenten nur ähnlich: im Gegensatz zu letzteren bringt bei ihr aber selbst ein Schlangenmensch nur eine Hand an die Tasten. Entweder verlangt der kleine Loser also bald eines der richtig teuren Standinstrumente, die die Tonerzeugung als solche schon eingebaut haben - oder er schult um auf Akkordeon, das bekanntlich auch eine seitliche Klaviertastatur besitzt.

Womit wir zum nächsten Instrument kommen, das durch seine bloße Existenz zu schrecken vermag. Außer vielleicht in Bayern, da gehört's irgendwie zum folkloristischen Gesamtbild - aber eigentlich entspricht so ein Ding ebenfalls der bisherigen Checkliste für "Arschloch-Instrumente": es funktioniert mit Luftdruck, und man trifft es häufig in Fußgängerzonen an. Auch wenn einem in diesem Fall eher die Musikrichtung als das Instrument an sich das Fell aufstellt.

Andererseits kann man das Nervpotential eines Instruments keineswegs alleine am Hineinblasen und Herausdrücken von Luft festmachen. Auch wenn sich das angerissene Spektrum an beiden Enden durch Faschingströten und Furzkissen in einer Weise erweitern lässt, die diese Theorie zu untermauern scheint. Immerhin gibt es auch Saxophone, Klarinetten und die Orgel. Natürlich ist mit letzterer die in der Kirche gemeint - nicht etwa die Hammondorgel, denn die spielt wiederum eindeutig in der Liga überflüssiger Tonerzeuger.

Es gibt auch Musikinstrumente, die nicht auf pneumatischen Prinzipien basieren und doch eindeutig am Nervenkostüm zerren - egal ob sie einer spielen kann oder nicht. Dazu gehört auch die Maultrommel, die sich einer vors Gesicht hält und die Tonleiter mittels einer Metallfeder und mehr oder weniger eingezogener Wangen zu treffen versucht. Das daraus resultierende "Doing" klingt dann je nach Tempo wie Zeichentrick-Kater Jerry auf seinem spiralförmig eingerolltem Schwanz oder aber wie ein mehrfach ingezogener Kansas-Hinterwäldler auf Speed. Und die Mimik des Musikanten ist dabei wirklich grenzwertig.

Eine Ukulele ist auch nicht besser. Zwar zwingt die den Musikanten nicht zu Grimassen, dafür aber zu einer wunderlichen Körperhaltung - und akustisch fällt sie eher hinten runter.

Ähnlich nervend: die ganzen aus der Not geborenen Pseudo-Instrumente wie beispielsweise das Seidenpapier über einem Kamm. Solcherart auf jenem zu blasen erinnert zwar irgendwie an eine Art Feuerzangenbowlen-Schülerromantik - aber nur solange man davon liest. Wenn einen hingegen nach dem dritten Bier die Nostalgie am Wickel hat und er tatsächlich in dieser Weise eine Melodie erzeugen zu können glaubt, sieht die Sache anders aus: dem Gequäke kann man bestenfalls in der fernen Erinnerung noch was abgewinnen. Wie beim Kommissbrot von Stalingrad.

Nun könnte man auf den Verdacht kommen, es seien nur besonders einfache Musikinstrumente, die selbst mittelmäßig musikalischen Zeitgenossen die Zehennägel aufrollen. Aber das stimmt nicht: moderne Technik hat ähnlich schlimme Gegenstände hervorgebracht. Wobei die Entwicklung mit der bereits erwähnten Hammondorgel noch kein Ende gefunden hat, sondern leider stetig fortgeschritten ist.

Herausgekommen ist dabei die Rhythmusmaschine. Stellt Euch mal einen Schlagzeuger ohne jegliche Fantasie, dafür aber mit doppelter Geschwindigkeit und in einer Endlosschleife vor. So klingt das - und das verwendet heute jede zweite Produktion anstelle eines richtigen Drummers, was der Musik nicht wirklich gut getan hat.

Man kann den Horror noch steigern: das sind dann die überall erhältlichen Hobby-Keyboards, die Hammondorgel und Rhythmusmaschine in einem Gerät vereinen. Wenn die noch laufen könnten und Plüschohren hätten, wären sie die konsequente Weiterentwicklung des Duracell-Hasen; leider haben sie keines von beiden, so dass sie fälschlicherweise als Musikinstrument verstanden, gekauft und eingesetzt werden.

Kurzum: der Mensch kennt viele Möglichkeiten, Töne mittels spezieller Gerätschaften zu Melodien anzuordnen. Aber einige davon taugen nicht wirklich zur künstlerischen Erbauung, sondern stellen Geduld und Realitätssinn auf eine harte Probe. Die "Arschloch-Instrumente" halt; vielleicht wäre deren rituelle Zertrümmerung ein Event, für den echte Musiker sogar was zahlen würden. 

Shoulders

Haste Töne?

Musikinstrumente, die die Welt nicht braucht (2007)