gotcha? -

Nur für Doofe?

Eigentlich eine rethorische Frage. Ein Haufen Männer mit leichtem Rechtsdrall im Gemüt rennt durch den Wald und spielt Krieg, dazu muss man doch irgendwie gestört sein. Oder?

Darum war ich auch einigermaßen verwundert, als mich Freunde zum 40. Geburtstag mit dem Gutschein für ein gemeinsames Gotcha!-(="...got you!")-Weekend überraschten. Immerhin bin ich bekanntlich nicht gerade ein großer Fan alles Militärischen und habe mir den Intellekt auch nicht auf der Baumschule abgeholt. Obwohl man so ein hessisches Abitur ja hier in Bayern durchaus skeptisch betrachtet...

Aber man probiert ja alles mal aus. So stand ich denn auch einige Wochen später brav am vereinbarten Treffpunkt - allerdings als Einziger; meine Kumpel hatten plötzlich dringende Termine. Wollten die mich am Ende vorführen und allein mit einer Horde Halbstarker in ein Auslandscamp schicken?

Im Bus stellte sich dann zunächst heraus, dass die Truppe völlig anders als erwartet aufgestellt war. Alles Leute zwischen 30 und 40, alle gut ausgebildet und größtenteils studiert, sportlich, ernsthaft, und fast alle mit eigener Familie sowie einem qualifizierten Job. Aufatmen: offenbar doch kein verkapptes Neonazitreffen. Blieb allerdings die Frage: was treibt solche Typen um? Die konnten doch nicht alle einen Gutschein geschenkt bekommen haben...

In Tschechien beim Veranstalter angekommen (denn in Deutschland ist Freiland-Paintball ja verboten) wurden wir in einer halb verfallenen ehemaligen Kaserne ausgeladen und in, vorsichtig ausgedrückt, kargen Vier-Pritschen-Zimmern einquartiert. Das konnte ja lustig werden! Es folgten Einkleidung und Ausrüstung; auch hier kam nicht gerade die Stimmung eines Robinson-Clubs auf. Wir erhielten schwere Tarnkleidung aus alten Militärbeständen, deren Sinn sich uns noch erschließen sollte und einen erschröcklichen Vollgesichtsschutz. Dann ging's zu einem - passend frugalen - Abendessen, bei dem sich im Gespräch eines zeigte: kaum einer hatte eine konkrete Vorstellung von dem, was da auf uns zukommen sollte.

Die waren alle so ahnungslos wie ich. Offenbar handelte es sich mehrheitlich um Mitarbeiter eines auf Spezialeffekte für Filme spezialisierten Unternehmens, die mehrere Nachtschichten durch Counterstrike-Runden auf dem firmeneigenen Netzwerk belebt hatten und irgendwann auf die Idee gekommen waren, Ähnliches mal "in echt" auszuprobieren. Dazu ein paar Kumpel, die man über drei Ecken kannte, und fertig war die rund 50 Mann starke Truppe.

Am nächsten Morgen erwartete uns der Chef der Anlage, ein Engländer. Der wies uns zunächst in die Spielregeln und Sicherheitsmaßnahmen ein. Wer - wie ich - bis dahin gedacht hatte, man würde sich halt mehr oder minder belustigt mit Farbkugeln beschmeißen, wurde eines Besseren belehrt: besagte Farbkugeln verlassen den Lauf mit deutlich über 300 km/h und produzieren beim Auftreffen auf ungeschützter Haut einen handtellergroßen, dunklen Bluterguss. Im Gesicht oder im Ohr können sie schwere Verletzungen verursachen und sogar tödlich sein; daher der Vollgesichtsschutz.

Aus diesem Grund wurden uns eindringlich strenge Sicherheitsbestimmungen eingebläut. Das komplett nach außen abgeschirmte Spielgelände wird über einen einzigen Eingang betreten und verlassen. Niemals, unter keinen Umständen, darf während eines Spiels der Kopfschutz abgenommen oder das Visier geöffnet werden. Außerhalb des Spielgeländes ist stets ein grellfarbiger Überzieher über der Mündung zu tragen, um versehentliche Schüsse aufzufangen. Und während des gesamten Spiels sind als Ersthelfer ausgebildete Überwacher, sogenannte "Marshals", zugegen, deren Anweisungen unbedingt zu befolgen sind und die das Recht haben, einen bei deren Missachtung umgehend nach hause zu schicken.

Ein paar Demonstrationsschüsse am Schießstand, wo auch selbst mitgebrachte Waffen (übrigens ein teurer Spaß; die können locker über 2.000 Euro kosten - betraf uns aber nicht, weil ein ordentlicher Pazifist sowieso keine Waffe besitzt) mittels einer Laufgeschwindigkeitsmessung auf die Einhaltung der zulässigen Grenzwerte kontrolliert werden, machten allen klar, was Sache ist: so eine als Testziel aufgestellte Plastikflasche sieht nach einem Treffer nicht nur bunter, sondern vor allem komplett zerknautscht aus. Geschossen wird übrigens mit Kohlensäurepatronen, die im Regelfall etwa einen Tag halten; die Gewehre selber bestehen aus Metall und entsprechen vom Gewicht her einer echten Waffe.

Also gut, wir waren alle angemessen beeindruckt und gelobten Disziplin. Es folgten die Spielregeln. So ein Spiel, von denen es rund ein Dutzend mit unterschiedlichen Abläufen gibt, dauert immer genau 20 Minuten und wird von außen abgepfiffen. Die Teilnehmer werden in zwei Mannschaften geteilt und mit Armbändern deutlich unterscheidbar gemacht. Und vor allem: der erste Treffer führt zum Ausschluss des Spielers, der ihn eigenverantwortlich mit einem lauten "Hit!" anzuzeigen und das Spielfeld zu verlassen hat; die allgegenwärtigen Marshals sorgen dafür, dass er dies fairerweise (a) auch unverzüglich tut und (b) unbehelligt raus kommt.

Aha, offenbar ging es also nicht um tumbes Drauflosballern, sondern vielmehr ums Nichtgetroffenwerden. Und zwar nicht nur wegen der blauen Flecken. Das klang schon weniger nach Kampf, sondern mehr nach Tarnen und Täuschen, Rennen und Springen. Also doch irgendwie interessant - wie sehr, sollte sich noch herausstellen. Denn das Ganze ist, zumindest in der uns dargebotenen Form, veritabler Leistungssport, und die 20 Minuten stellen ohnehin nahezu die Belastungsgrenze für Körper, Gelenke und Kondition dar.

Der Spiele, die irgendwie alle an die früheren Geländespiele der Pfadfinder erinnern, gibt es viele, wobei das jeweils stattfindende per Abstimmung festgelegt wird: bei einem hat beispielsweise eine Gruppe irgendwo eine Fahne zu verstecken, die die andere erobern muss. Bei einem anderen ("Bodyguard") muss eine kleine Gruppe eine Zielperson zu einem geheimen, vorgegebenen Ort bringen, wobei letztere selber unbewaffnet ist und nicht von der ums Vierfache größeren Gegenmannschaft getroffen werden darf. Und so weiter - nur ein Spiel, bei dem einfach jeder gegen jeden kämpft, bis nur noch einer übrig ist ("Deathmatch") war uns allen zu doof und wurde einhellig abgelehnt.

Es folgte die Ausgabe der Waffen, die untenrum wie ein Gewehr und obenrum wie eine mutierte Banane ausschauen. In die Banane kommen Farbkugeln aus röhrenförmigen Behältern, die man an einem Spezialgürtel trägt. Nachdem man sich damit halbwegs vertraut gemacht hatte, betraten wir das Gelände - ein mit vielen Dutzend künstlicher Deckungen gespicktes, rund 250.000 Quadratmeter großes Wald- und Wiesenstück mit allen erdenklichen Bodenformen. Nur keine Wege; es wird also querfeldein gerannt, gesprungen und gerobbt.

Und das ist knackharter Sport. In den jeweils 20 Minuten bewegt sich der Mensch in Körperhaltungen, die er sonst nur aus dem Kino kennt und dementsprechend schlecht trainiert hat. Dabei sieht er nix mehr, sobald er innehält (weil die Schutzbrille beschlägt); er orientiert sich vorzugsweise flach am Boden (weil er aufrecht stehend prompt einen Treffer kassiert), und er lernt ganz fix eine Menge Handzeichen (weil er sich aus dem vorgenannten Grund vorzugsweise auch recht still verhält). Weil man die Treffer wirklich ernsthaft spürt, spielt man nicht mehr "Deckung suchen" - man sucht und braucht die tatsächlich.

Viel interessanter ist allerdings ein ganz anderer Aspekt. Man benötigt und entwickelt dabei nämlich ausgesprochene Teamfähigkeit; Einzelkämpfer sind meist ganz schnell aus dem Spielgeschehen raus. Das reicht vom gemeinschaftlichen Entwickeln von Problemlösungsstrategien bis hin zu echtem Einsatz füreinander - wer nämlich seinem Kameraden Deckung gibt, ist selber exponiert und läuft Gefahr, ordentlich eine gezwitschert zu kriegen. Wer's nicht tut, wird hingegen selber nicht gedeckt. Zumindest in dieser Form ist Paintball daher mehr Mannschaftssport als so manch anderer.

Nach dem ersten Tag, an dem wir um die acht Spiele absolviert hatten, wurde eine Zwischenbilanz gezogen. Rein körperlich ging's uns noch erstaunlich gut, was allerdings der Dauerbefeuerung mit Adrenalin zu verdanken war - am Abreisetag kamen die meisten so wie ich nicht mal mehr den Einstieg vom Bus anständig rauf bzw. runter. Und am abendlichen Lagerfeuer huben angeregte Diskussionen an: offenbar hatte die simulationsähnliche Beschäftigung mit der Materie zu intensivem Nachdenken über die nichtsportliche Variante - Krieg halt - geführt.

Da wurde so mancher Standpunkt relativiert. Wenn man mal einen ersten Eindruck davon bekommt, wie sich das Stehen unter Beschuss anfühlen könnte, gehen auch so einige Kraftmeier-Parolen baden. Auf einmal kann man sich ein Stück weit eher vorstellen, was eine unvermittelte "richtige" Verletzung oder gar Verstümmelung bedeuten könnte - und wie der Gedanke daran das eigene Verhalten beeinflusst. Kurzum: nicht die erwartete verbale Kraftmeierei bestimmte den abendlichen Tenor; das waren eher die leisen, nachdenklichen Töne. Wer hätte das gedacht...

Allerdings war das wohl nicht die Regel, sondern eher der spezifischen Zusammensetzung unserer Truppe zu verdanken. Dass der Oberchef bei der "außergewöhnlich vernünftigen" Gruppe auf das abendliche Einsammeln der Waffen verzichtete, hätte uns schon zu denken geben können.

Am Folgetag kamen nämlich weitere Teilnehmer angereist, so dass wir schlussendlich 120 an der Zahl waren. Dabei waren dann auch ganz andere Typen - einige wenige Jugendliche, einige zumindest optisch Militante, ein paar Turniersportler (gibt's auch da) mit schweinsteurer Spezialausrüstung, auch einige Frauen und ein ganzer Schwung eher simpler gestrickter Normalmenschen. Die Altersgrenze verschob sich dabei nur unwesentlich nach oben, so dass ich mit 40 nicht mehr ganz der Älteste war - der war 44, mithin ein Greis!

Da hatten wir dann am Abend wieder was dazu gelernt. Erstens, dass der Sport nichts für Jugendliche ist; die sahen nur die Action, ihr Spaß korrelierte unmittelbar mit der gespielten Aggression, und sie waren auch die ersten, die Sicherheitshinweise in den Wind schlugen. Also - wenn's überhaupt sein muss - bitte nur in Begleitung (denkfähiger!) Erwachsener und mit einer durchdachten Nachbesprechung.

Zweitens hat er auch der Handvoll anwesender Frauen nicht gefallen - allerdings anders als erwartet. Die sind nämlich zunächst mindestens genauso begeistert und hemmungslos wie jeder Mann ins Geschehen gestartet; da war von "weiblicher Zurückhaltung" wenig zu sehen. Jedenfalls, solange es ums Austeilen ging. Okay, das kennen wir auch vom Frauenboxen oder den Kampfsportarten. Erst bei den ersten kassierten Treffern wendete sich das Blatt: das tut ja weh!

Prompt flossen erst einige Tränen, dann saßen sie während der folgenden Spiele nur noch draußen, rauchten und quatschten miteinander und fingen an, ihren Begleitern immer deutlicher klar zu machen, wie blöde der Machosport doch sei. Das ging bis zu ultimativen Heimreiseforderungen. Pikant war dabei bloß, dass die zur Schau getragene Einsicht, Vernunft und Empathie nicht von der Sache an sich (denn anderen eins aufzubrennen ist schon toll, tough und emanzipiert), sondern vom selber kassierten Aua abzuhängen schien - daran erinnere ich mich bis heute, wenn das Thema mal wieder auf Risikosport oder generell die eher einfach gebauten Chauvis kommt...

Eine weitere Beobachtung (jaja, das Wochenende wäre auch für Verhaltenstherapeuten lehrreich gewesen): Wettkampfsportler gehen die Dinge offenbar in allen Sportarten grundsätzlich etwas verbissener an. So erlebten wir bei den Jungs etwas bis dato Neues: uns war nämlich anfangs beigebracht worden, den "Hit!" rufenden Kontrahenten prompt zu schonen und auch einen sicheren Treffer (nach erfolgreichem Anschleichen) nicht wirklich zu setzen, sondern statt dessen verbal anzukündigen. Daher stammt übrigens das "Gotcha!", das fairerweise den zwangsläufig recht schmerzhaften Schuss aus großer Nähe ersetzt.

Die Leistungstypen waren da anders aufgestellt. Die haben einem nach dem ersten Treffer noch ein halbes Dutzend weiterer aufgebrummt, durchaus auch aus einem Meter Abstand. Und wenn sie unbemerkt ganz nahe an einen heran gekommen waren, setzte es auch schon mal eine Kugel auf die Kopfseite, dass man noch eine Stunde später Kopfschmerzen hatte. Vielleicht steigern die sich dermaßen in einen Adrenalinrausch hinein, dass sämtliche Hemmungen über Bord gehen; jedenfalls haben sie ihr Vorgehen weitgehend verständnislos als "ganz normale Härte" apostrophiert - und damit zwangsläufig an einer Gewaltspirale gedreht, denn wer solche Gegner hat, langt selber, so er nicht lieber ganz kneift, ebenfalls ordentlicher zu.

Und auch die Metamorphose der eher biederen Typen kann einem zu denken geben. Während sich die Gruppe der gut trainierten sogenannten "Risikosportler" durch Gelassenheit, Fairness und Selbstkontrolle auszeichnete, klinkte ein Großteil derjenigen, die optisch wie konditionell eher in die Kategorie "Schreibtischtäter" fallen, unmittelbar nach Betreten des Spielgeländes regelrecht aus. Die wurden zu richtigen Rambos, sprinteten laut schreiend durchs Gehölz und waren keiner halbwegs geplanten Strategie zugänglich.

Einen besonderen Denkanstoß lieferte übrigens ein weiteres Grüppchen - vier vermeintliche "Glatzentypen", die jenes Klischee zu bedienen schienen, wegen dem ich eingangs erst gar nicht zu der Veranstaltung fahren wollte. Die fielen optisch so offenkundig ins "Feindbild", dass sie ein Stück weit ausgegrenzt für sich saßen und die ganze Zeit über misstrauisch beäugt wurden. Die solcherart intensive Beobachtung förderte allerdings Unerwartetes zutage: die vier verhielten sich im Spielfeld ausgesprochen fair und ruhig, und entpuppten sich, schließlich doch mal über reine Manöverbesprechung hinaus angesprochen, zu unser aller Erstaunen als ganz normale und keineswegs sonderlich rechtsgerichtete Mitbürger.

Nur wollten sie sich halt, wie mir einer von ihnen auseinandersetzte, nicht von der Volksmeinung vorschreiben lassen, wie sie herumzulaufen hätten. Vielleicht war auch ein wenig Spaß am Provozieren dabei, so war ich in früheren Zeiten selber mal - allerdings hatten sie dem schon selber unerfreuliche Begegnungen der braunen Art zu verdanken gehabt, wo man sie zunächst für Gesinnungsgenossen gehalten und später um so rabiater abgekantet hatte. Ohne über den individuellen Reifegrad der vier zu spekulieren war jedenfalls eine weitere Lehre bestätigt worden: erst mal nachfragen, statt gleich Vorurteilen gleich welcher Richtung aufzusitzen!

Alles in allem endete das Wochenende mit einer Fülle neuer Eindrücke und Erkenntnisse. Spaß hat's auch gemacht, und wie! Wir haben auch die eher künstliche, sehr schnelle Spielvariante ausprobiert, bei der zwei Zweierteams in einem umgrenzten Raum gegeneinander bis zum Ausfall des einen antreten; das war ebenfalls hochdynamisch und mit keiner anderen Sportart, von denen ich doch mittlerweile eine ganze Reihe kenne, vergleichbar.

Zur laufenden Debatte um Sinn und Unsinn solcher "Killerspiele" habe ich zwar einige Erkenntnisse, aber keine pauschale Antwort gefunden: je nach persönlicher Einstellung und Zusammensetzung der Mitspieler kann man sich einerseits unter intensivem Körpereinsatz auch mental weiter entwickeln, andererseits lässt der Sport eher unreife Figuren nur noch weiter von sozialen und ethischen Normen wegdriften. Auf keinen Fall soll man ihn meiner Meinung nach Jugendlichen zugängig machen, die die offenkundig erforderliche Reife noch nicht besitzen können.

Ach ja, und noch eine Warnung an alle, die sowas zum ersten Mal ausprobieren wollen: warnt Euren Lebenspartner, ruhig mit einem Referenzlink hierher, vor! Die dicken Knutschflecken am Hals, der naturgemäß meist aus der Schutzkleidung heraus schaut, stammen nicht von einer Wochenendbekanntschaft - die haben viel unangenehmere Ursachen...

Shoulders

                       

Gotcha! - Weekend

September 2003 in Tschechien