Sarkosconi

1. Februar 2010

Also, so ganz unterschiedlich können Franzosen und Italiener wohl doch nicht ticken. Wie sonst wäre zu erklären, dass sich Frankreichs Staatsoberhaupt offenbar ausgerechnet den für sein wunderliches Rechtsverständnis bekannten italienischen Premier als staatsmännisches Vorbild auserkoren hat?

Gerade erst ist der peinliche Prozeß gegen Villepain vorbei, dessen Primärziel, den stärksten potentiellen Gegenkandidaten per herbeiintrigierter Vorstrafe sicherheitshalber vorab aus dem Rennen zu werfen, zum Glück nicht erreicht werden konnte - da verpaßt dieser Polit-Playboy seiner Nation, genau genommen deren Polizei, den nächsten Tiefschlag.

Letztere ist nämlich neuerdings einem Punktesystem unterworfen, welches schamlos offen den Polizisten belohnt, der gezielt und mit alller Härte gegen Bagatelldelikte vorgeht, während er gleichzeitig die dicken Fische schont. Weil nämlich nun das Einbuchten einer Autofahrerin oberhalb der Promillegrenze oder eines Jugendlichen mit Joint als vollauf gleichwertige Leistung wie die erfolgreiche Ermittlung gegen einen Drogendealer oder - honi soit qui mal y pense - korrupten Politiker eingestuft wird.

Der vorhersehbare Effekt ist natürlich umgehend eingetreten: Frankreichs Polizei geht inzwischen den ganzen Tag über mit einem Aufwand gegen Hausfrauen, Schüler und Verkehrssünder vor, den man sich selbst für Mörder und Terroristen niemals zu erhoffen gewagt hätte. Infolgedessen hat die Bevölkerung nun mehr Angst vor den Flics als vor den Ganoven, während die - je größer, desto gelassener - in nie gesehener Ruhe ihren Geschäften nachgehen. Wissen sie doch, dass ein Polizist jetzt von seinen eigenen Vorgesetzten zu einem Verhalten angehalten wird, für das sie sogar bereitwillig Schmiergelder zahlen würden.

Der Kurs ist also klar: im Lande der Menschenrechte schwebt derzeit ein dicker Knüppel über der Bevölkerung, die Polizei ist vom Ansehen her bei den eigenen Landsleuten komplett unten durch, aber den großen Fischen im kriminellen Trüben geht es so gut wie nie zuvor. Woanders nennt man solche Strukturen mafiös (in Rio de Janeiro einfach Alltag); in Frankreich sucht man wohl noch nach einer geeigneten Vokabel.

Die Frage ist nur: hätte das Monsieur Sarkozy nicht vorhersehen können? Die meisten Stammtischkumpel kriegen das hin…

Klar, auch bei uns glänzen Politiker durch kabarettverdächtiges In-den-Wind-Schlagen von Expertenrat. Prominentestes Beispiel hierfür dürfte die Ex-Familienministerin sein, die für bewiesene Inkompetenz in Sachen Internetzensur erst mal mit einem größeren Ministerium bzw. Etat belohnt worden ist - um dort mit der letzten Kindergeldauszahlung prompt den nächsten Bock zu schießen. Auch da war sie ja gewarnt worden, aber inzwischen kann sie das Abbügeln von Fachleuten schon richtig gut. Gut denkbar, dass uns eine Legislaturperiode haarsträubenden Unsinns im Arbeitsministerium bevorsteht, an deren Ende wir dann womöglich eine neue Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vorgestellt bekommen.

Aber was ist nun mit dem Chef der gallischen Nation? Ist der auch bloß ein wenig beschränkt, oder treiben ihn düstere Pläne um? Bei einem so starken Nachbar, für den ich persönlich viel Sympathie hege, sind beide Varianten gleichermaßen interessant und verstörend - Sizilien war ja immer beruhigend weit weg, aber die westlichen Nachbarn hatte man bisher immer ganz anders einsortiert. Eines ist jedenfalls sicher: seit Kurzem verfolge ich die ganz normalen Nachrichten aus der “grande nation” wieder mit gesteigertem Interesse…